Provinzfürsten…

...gibt es auch in den größten Städten, die sich selbst für weltgewandt halten – diese Erfahrung durfte Uhlenköper einmal mehr in der Bundeshauptstadt Berlin machen.

An einem Sonntagabend wollte er mit dem Eurocity „Wawel“ in die Heimat reisen und hatte vorher noch Zeit für einen Bummel durch die Geschäfte des neuen Bahn-Vorzeigeprachtstücks, den Berliner Hauptbahnhof – eigentlich. Denn zum Bummeln gab es nicht viel. Die einschlägigen Bekleidungsgeschäfte waren nämlich allesamt geschlossen. Und in Läden mit einem so genannten „Mischangebot“ grenzte ein rot-weißes Trassierband die Verkaufsfläche in zwei Teile. In der Damenbekleidung dürfe nicht gestöbert werden am Sonntag, informierte ein Schild. Das Berliner Ordnungsamt habe dies mit Hinweis auf das Ladenschlussgesetz untersagt. Verkauft werden dürften am Sonntag deshalb nur Dinge für den unmittelbaren Reisebedarf. Damenbekleidung gehört also nicht dazu, Herrenbekleidung dagegen scheint Reisebedarf zu sein, wundert sich Uhlenköper. Denn er hätte theoretisch in seiner Abteilung nach Herzenslust stöbern dürfen. Wollte er aber im Gegensatz zu seiner Gattin gar nicht. Vielleicht haben die Herrschaften des Ordnungsamtes diesen feinen Unterschied geahnt, als sie das Gesetz interpretiert haben. Und so wird ein Bahnhof, auf dem hoch oben, der Express Paris-Moskau fährt, unten auf der Geschäftsebene zur Provinz, kann nur ungläubig den Kopf schütteln der Uhlenköper.

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