Osterkanne statt Osterei

Ich sehe – hoffe ich – nur manchmal wirklich dämlich aus. Aber heute. Als ich von Eberhard ein vorgezogenes Ostergeschenk erhielt.

Denn ich vertrete gerade Christine, die einige Tage bei meinem Hauptkonkurrenten verbringt (ein erstes Enkelkind gibt so viel, nimmt aber auch...nämlich mir meine angetraute Geliebte und Gärtnerin weg). Denn hauptsächlich vertrete ich Christine im Garten, um Stiefmütterchen und anderes mir namentlich Unbekanntes im Vorgarten mit der Gießkanne zu Wachstum zu verhelfen. Das Sieb der Gießkanne wollte aber nicht sieben. Es ließ gar nichts durch. Ich erinnerte noch eine alte Gießkanne hinten im Pferdestall und fand sie auch – ohne Sieb.

In diesen Momenten der Ratlosigkeit fuhr Eberhard vor. Eberhard wohnt zwei Dörfer weiter in Alleinlage. Er kam den Kiesweg lang, sah und besiegte meine Hilflosigkeit, indem er mich einlud, ihn kurz nach Hause zu begleiten. Dort könnte ich mir eine Gießkanne – nein, nicht leihen. Dazu fährt man nicht weit weg ins übernächste Dorf. Ich könnte mir eine Gießkanne aussuchen. Und sicherheitshalber gleich eine als Reserve. Falls mal Christine und ich zusammen etwas begießen wollten. Aussuchen, gleich zwei? „Nimm’s als vorgezogenes Osterei...“, beruhigte mich Eberhard.

Ich fuhr mit, und in Eberhards Schuppen fiel es mir – ganz gebäude-adäquat – wie Schuppen von den Augen, woher Eberhards Großzügigkeit rührte. In dem Raum neben der Holzkammer standen sie: Gießkannen. 30, 40? In Reih und Glied standen sie, mit ihren Tüllen zur Tür schauend wie eine Horde trainierter Laufenten. Nur eben mit leicht veränderter Halswirbelsäule und ohne Kopf. Dafür stand ein Korb neben den Fahrrädern mit lauter Sieben. Die hatte Eberhard über ebay im Dutzend gekauft. Ohne Kannen. 50 Cent pro.

Die meisten Kannen waren blau und nur eine Reihe grün. Vereinsamt gab es einige in Gelb. Auf den blauen war ein unübersehbarer Aufdruck, der für eine gewisse Tankstellen-Organisation warb.

„Hast du“, fragte ich flüsternd, „hast du die alle so einfach...?“

Eberhard nickte vergnügt. „Ja.“

Und dann erläuterte er mir, warum er keine Schuldgefühle habe, dass er derart viele Tankstellen um ihre Gießkannen beraubt habe. Glatter Diebstahl doch! Kriminell!

Nein, widerlegte er. Es stünde nirgendwo, dass man die frei auf dem Gelände herumstehenden einsamen Kannen nicht mitnehmen dürfe. Keine einzige sei angeleint, angekettet. Er, Eberhard, würde ja schon einen einfachen Bindfaden als Beweis dafür werten, dass der Tankstellenpächter die Gießkanne als immobilen Besitzteil verstehe und dies respektieren. Aber nichts. Sie, die Kannen, stünden außerdem meist abseits, wo es Luft und Wasser gibt und die seien auch kostenlos.

Ich habe sie nicht mal auszuleihen gewagt, die Osterkanne, die ein Ei sein sollte. Geklaut ist geklaut.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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