Mehr Ecken und Kanten

Marc Rath

Von Marc Rath - Ob diese Bundespräsidentenwahl der Anfang von Ende des schwarz-gelben Bündnisses in Berlin sein wird, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen. Der im Regierungslager erhoffte Neustart wurde mit beeindruckenden 44 Abweichlern im ersten und immer noch erklecklichen 19 im dritten Wahlgang jedenfalls gehörig vermasselt.

Der Schatten fällt auf die Kanzlerin, nicht auf den Kandidaten. Für Christian Wulff gelten fortan andere Maßstäbe. Gelingt dem jüngsten Staatsoberhaupt in der inzwischen gar nicht mehr so jungen Geschichte dieser Republik die Verbindung von Bodenständigkeit und Moderne? Bricht er die Spannungen zwischen Parteienstaat, Politik(er)verdrossenheit und Bürgerengagement auf?

Dafür bringt der 51-Jährige wie kaum ein anderer aus den Reihen der Parteipolitik Voraussetzungen mit. Christian Wulff hat eine Bilderbuchkarriere in der Politik hingelegt, wenngleich sie keineswegs frei von Brüchen ist: Die drei Wahlgänge zum Bundespräsidenten zogen sich über neun Stunden, seine selbige Zahl an Anläufen für das Amt des Ministerpräsidenten streckten sich über neun Jahre.

Als junger Mensch seine Mutter zu pflegen und die Schüler Union zu führen, nötigt großen Respekt ab und zeigt, was dieser Mensch auf sich nehmen kann. Die Wulffs sind heute eine Patchwork-Familie, die keiner so plant, die in manchem Gesellschaftsbild gerne ausgeklammert wird, die aber heute gesellschaftliche Realität ist.

Es sind also mehr Ecken und Kanten, die Christian Wulff in sich vereint, als er dies bislang für viele nach außen hin verkörpert hat. Keine schlechte Basis für ein Staatsoberhaupt. Obendrein dürfte sich Wulff nach den maximal zehn Jahren, die ihm in dem Amt bleiben können, noch nicht zur Ruhe setzen.

Christian Wulff könnte mit seiner Person die Klammer zwischen Parteienstaat und Bevölkerung werden. Deren immer größere Kluft gilt es zu schließen. Joachim Gaucks Kandidatur hatte da durchaus Charme. Wirken kann dieser Kitt für unsere Demokratie aber wohl nur, wenn sich die politische Klasse selber stärker auf den Weg zu ihren Wurzeln begibt.

So gesehen ist auch Wulffs Wahlergebnis ehrlich wie eindeutig: Der Mann hat eine klare Mehrheit in der Bundesversammlung bekommen. Eine, die zugleich die Erosionserscheinungen der Machtpolitik aufzeigt.

Jetzt ist er am Zug. Mal sehen, was er daraus macht.

marc.rath@cbeckers.de

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