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Mehl, Öl, Nudeln: In der Krise wird auch im Kreis Uelzen „gehamstert“

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Von: Lars Becker

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Auch in Supermärkten in Hansestadt und Landkreis Uelzen sah es gestern teilweise so aus. Angesichts des Ukraine-Krieges hamstern viele Menschen diesmal Grundnahrungsmittel – ohne Grund, wie Experten meinen.
Auch in Supermärkten in Hansestadt und Landkreis Uelzen sah es gestern teilweise so aus. Angesichts des Ukraine-Krieges hamstern viele Menschen diesmal Grundnahrungsmittel – ohne Grund, wie Experten meinen. © IMAGO

Der Ukraine-Krieg sorgt offenbar dafür, dass auch im Landkreis Uelzen Menschen wieder Vorräte „hamstern“. In Supermärkten sind Mehl, Öl, Nudeln, aber auch Speisestärke, Brotbackmischungen und Klopapier vergriffen. Auf einer Stippvisite in mehreren Läden fallen die leeren Regale sofort auf.

Uelzen - Auch in Hansestadt und Landkreis Uelzen lassen sich die Menschen ganz offensichtlich angesichts des Ukraine-Krieges und der damit verbundenen Sorge vor Engpässen zu Hamsterkäufen hinreißen. War es zu Beginn der Corona-Pandemie die sogenannte „Klopapier-Panik“, die um sich griff, so decken sich die Haushalte nun verstärkt mit Grundnahrungsmitteln ein, wie die AZ-Rundreise durch mehrere Supermärkte ebenso bestätigt wie der Blick in die sozialen Netzwerke.

Fassungslos steht die ältere Dame am Dienstagmorgen im Real-Markt am Fischerhof in Uelzen in jenem Gang, in dem gewöhnlich auf Paletten Kilo- oder 2,5-Kilo-Pakete Weizen- und Dinkelmehl liegen. „Die Leute spinnen doch! Ich will doch für einen Geburtstag einen Kuchen backen – und jetzt kriege ich noch nicht einmal Mehl. Und das ist auch noch in der Werbung“, sagt sie.

Weitere große Lücken klaffen im Sortiment

Andere Kunden pflichten ihr bei: „Ich verstehe das auch nicht“, sagt eine Frau, deren Mann energisch nickt. Die Verkäuferin einen Gang weiter weiß schon gar nicht mehr, wie oft sie schon gefragt worden ist, warum es kein Mehl mehr gibt und wann mit Nachschub gerechnet wird.

Mehl ist aber längst nicht das einzige Produkt, das ausverkauft ist: Im Real-Markt klaffen weitere große Lücken im Sortiment – etwa bei den Backmischungen, Hefe, Speisestärke, Speiseöl, Rapsöl und bestimmten Nudelsorten. Immerhin: Der Vorrat an Toilettenpapier ist hier in allen Preisklassen und „Blattstärken“ noch beträchtlich.

Schilder über verwaisten Stellflächen für Paletten

Das ist aber nicht überall so. In der Lidl-Filiale an der Bernhard-Nigebur-Straße in der Hansestadt ist das Klopapier bis auf wenige XXL-Packungen vergriffen. Auch hier gibt es bis auf Spätzle keine Nudeln mehr, ganz wenig Margarine, kein Speiseöl und kein Mehl. „Pro Haushalt nur drei Packungen Küchenrolle/Toilettenpapier“ und „Pro Haushalt nur 3 Liter Speiseöl“ steht auf weißen Schildern über verwaisten Stellflächen für Paletten.

Hinweisschilder hat man auch in den Aldi-Filialen angebracht – in Rosche prangen sie in grellem Orange dort, wo eigentlich auch die Ware stehen sollte: „Verkauf nur in haushaltsüblichen Mengen: 2-3 Stück pro Kunde. Wir bitten um Ihr Verständnis“, heißt es beim Sonnenblumen-, Raps- und Olivenöl sowie beim Weizenmehl. Auch Klopapier ist hier teilweise vergriffen. Anders stellt sich die Szenerie im Edeka-Markt in Rosche dar: Hier sind die Regale bestens bestückt, in allen Warengruppen können Kunden wählen.

„Wir müssen nicht groß rationieren“

„Kaufen Sie nur so viel, wie Sie jetzt gerade brauchen, dann ist auch für alle genug da“, appellierte am Dienstag der Vizepräsident des Handelsverbandes Deutschland, Björn Fromm, an die Menschen. „Wir müssen nicht groß rationieren, es gibt genug Kalorien für die Bevölkerung.“

Niemand solle aus Panik Lebensmittel hamstern. Weil das aber doch wieder passiert, sei es sinnvoll, die Abgabe stark nachgefragter Produkte zu begrenzen: „Das ist vernünftig für den Moment, wo vielleicht Menschen aus Angst und Panik mehr kaufen, als sie wirklich brauchen.“ Lieferengpässe erwartete er allenfalls für Sonnenblumenöl, dessen wichtigstes Lieferland die Ukraine ist. Hier werde es „die nächsten Monate schwierig“.

Verbraucherzentrale appelliert an Solidarität

Auch die Verbraucherzentrale Niedersachsen hat bereits von Hamsterkäufen angesichts von Kriegsangst, Energiekrise und Preissteigerungen abgeraten. „Wir appellieren an die Solidarität der Verbraucherinnen und Verbraucher“, sagte die Expertin für Ernährung und Lebensmittel, Constanze Rubach, dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Wir müssen auch an die Mitmenschen denken, die sich auch versorgen müssen.“

Trotz der Sanktionen gegen Russland wegen des Krieges in der Ukraine sei nicht mit einem Versorgungsproblem zu rechnen, betonte Rubach. Langfristig seien auch keine Lieferengpässe zu erwarten. „Der Einzelhandel hat versichert, weiterhin ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis anzubieten – auch für Verbraucherinnen und Verbraucher, die genauer auf ihre Ausgaben schauen müssen.“

Klopapierberg macht nicht glücklich

„Bei Krisen legt der Mensch Vorräte an. Schlechte Zeiten stellen uns vor ein Dilemma: Egoismus gegen Allgemeinwohl. Meistens siegt Egoismus“, stellte der Gießener Sozialpsychologe Jan Häusser in einem Interview mit dem Spiegel eine Triebkraft für Hamsterkäufe heraus.

„Deshalb gelingt es uns bisher auch nicht, den Klimawandel zu stoppen: Die Staaten denken zuerst an sich statt an das größere Ziel. Es ist das gleiche Prinzip wie bei Klopapier oder Mehl“, so Häusser, der aber sicher ist: „Nach einer gewissen Zeit normalisiert sich dieses Verhalten. Den Leuten wird mit der Zeit klar, dass sie allein mit ihrem Klopapierberg nicht glücklich werden.“

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