Maria und Marta

Eines Tages besucht Jesus ein ihm befreundetes Geschwisterpaar. Die eine Frau, Marta, geht nach der ersten Begrüßung in die Küche. Schließlich weiß sie, was sich gehört. Sie wird dem berühmten Wanderprediger endlich mal wieder eine ordentliche Mahlzeit kochen.

Da es noch keinen Supermarkt und keine Gefriertruhe gibt, muss sie vieles selber machen. Aber keine Arbeit ist ihr zu viel.

Seltsam nur, dass ihre Schwester Maria heute nicht mit ihr zusammen in der Küche arbeitet, wie sie das sonst doch immer tut. Und als sie nach ihr ruft und sucht, da traut sie ihren Augen nicht: Maria sitzt doch wahrhaftig mit Jesus und seinen Freunden im Herrenzimmer. Als wenn die Arbeit sich von allein erledigen würde. Die Frauen gehören nun mal in die Küche, die Männer können derweil gelehrte Gespräche führen und die Welt wieder in Ordnung bringen, wie sie immer sagen. Das war schon 2000 Jahre so und wird mindestens noch 2000 Jahre so weitergehen. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder aus seiner Rolle fallen würde!

Und Jesus? Marta, sagt er, du machst dir viel Mühe. Und ich lasse mich gerne mal wieder von dir verwöhnen. Du bist schon in Ordnung. Du hast auch Recht: Wo kämen wir wohl hin, wenn alle aus der Rolle fallen würden? Maria – die ist gerade aus ihrer Rolle gefallen. In unserer reinen Männergesellschaft tut sie so, als ob sie auch ein Mann wäre. Vielleicht ist unsere Zeit dafür noch nicht reif. Aber wo kämen wir wohl hin, wenn man niemals aus seiner Rolle fallen darf? Wenn immer alles festgelegt ist, was man tun und lassen soll, was man sagen darf und wer man sein darf? Maria möchte die Welt einmal mit anderen Augen sehen. Lass sie einfach so. Ihr beide mögt euch doch, und ihr ergänzt euch auch gut. Lass es einfach so, wie es ist.

Diese beiden, Maria und Marta – oder Marius und Markus – stecken oft in uns drin. Die eine Seite, die sich an die Regeln hält, die verlässlich ist, die darum auch gewollt und geschätzt ist. Und die andere Seite, die etwas Neues ausprobieren will, die Phantasie hat, und die eben darum auch gebraucht und geschätzt wird.  (Erzählt von Pastor Charbonnier nach Lukas 11, 38 - 42.)

Hermann Charbonnier ist Pastor der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Holdenstedt. Das Wort zum Sonntag finden Sie auch im Internet unter az-online.de/lokales/kolumnen

Von Hermann Charbonnier

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