Ein leiser Flötenton

Um leise Flötentöne herum dichtete Eduard Mörike sein Frühlingsgedicht „Frühling läßt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte. . . “.

Nichts davon bei uns im Haus, solange Friederike noch Tochter im Hause war. Oder jetzt wieder zu Besuch ist. Denn obwohl sie beruflich mit Sprache und Kunst zu tun hat, pfeift sie – wie der König im Gedicht von Kurt Tucholsky – auf die Töne einer Flöte. Nicht nur die meiner Querflöte – das wären spätpubertäre Reaktionen, die sie und ich hinter uns haben. Nein, sie bevorzugt in mußevollen Minuten nicht Musikalisches, nichts an Kunst – sie genießt das Geräuschspektrum vom Haarfön.

Schon als Kind eilte sie in das Badezimmer und stellte als erstes den wartenden Haarfön an – unabhängig von dem, was sie im Bad wollte. Oft genug verschwand sie im Bad auch ohne Badezimmeranlass. Nur wegen der Wirkung der Fön-Musik auf ihre Seelenlandschaft. Das erzählte ich schon mal.

Kaum aber ging sie studieren und mietete sich ein (insgesamt drei Studentenbuden) – sofort wurde noch während des Umzugs der Fön herausgeholt, um die umziehende Seele zu beheimaten. Andere hüllen sich mit Mozart oder den Ärzten, mit Hip-Hop, Rap oder Gregorianik ein – sie steht auf Fön. Heute hat sie zwei Geräte, die ihr aufspielen. Eine neue Art von Sucht?

Bei Friederikes abnormem Hördauerwunsch fällt mir die bekanntgewordene alte Geschichte von und mit Isabel ein. Sie war die Frau des Schriftstellers Martin Hausmann, der wie alle glücklich verheirateten Schriftsteller viel über eben sie schrieb. „Isabel“ hieß ein Inselbändchen von ihm.

Darin beschreibt er verblüfft, beunruhigt, wie verlässlich Isabel staubsaugte. Nämlich am liebsten, indem sie sich neben den Staubsauger hockte und daneben meditierte. Mit halboffenen Augen dem Dösen auf höherer Ebene nachhing und beobachtbar glücklich war. Entspannte Mundwinkel, kein Schluckreflex mehr, ideomotorische Reflexbewegungen usw. – also ganz klar: In tieferer Trance.

Das ist bei Friederike auch so. Sie kann nicht mehr ohne ihren Fön.

Wer sich angesichts solcher Abweichungen von der Norm an die Stirn tippt, der lerne nun von der modernen Wissenschaft der Musikpsychologie und Entwicklungspsychologie, die sich gemeinsam mit Hör-phänomenen beschäftigen.

Denn die cleveren Forscher fanden mittels der tollen Positronen-Messungen und Ultraschall-Aufnahmen heraus, dass es im Uterus, im Mutterleib, verblüffend ähnlich klingt wie bei Isabels Staubsauger und Friederikes Fön: Ununterbrochene Atmungs- und Herzrhythmusgeräusche ernähren den heranwachsenden Fötus. Und dann erst, wenn die Schwangere singt! Die Frequenz des einen Föns liegt bei Mezzosporan. Wer sich in seiner Mutter wohl fühlte, macht halt nach der Geburt später das, was alle Menschen machen, wenn sie Lust lustvoll empfinden: Sie wiederholen.

Nein, um leise Flötentöne von Eduard Mörike und anderen hören zu können, muss ich dasselbe, wie der Dichter: Raus aus dem Haus. Drinnen spielt der Fön.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch im Internet unter az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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