Die Wochenrevue von Thomas Mitzlaff

Das leise Sterben der Dörfer

Als Erstes schlossen die Lebensmittelgeschäfte, die so genannten Tante-Emma-Läden. Es folgten die Gaststätten. Die Feuerwehren, neben den Schützenvereinen wohl die letzten Institutionen, die noch ein bisschen dörflich Gemeinsamkeit vermitteln, klagen schon seit Jahren über Nachwuchssorgen.

Die Grundschulen werden in den nächsten Jahren nach und nach geschlossen werden müssen. Und jetzt ist es auch noch die ärztliche Versorgung, die auf dem Spiel steht. Der so genannte Landarzt droht auszusterben – und mit ihm geht es mit der Lebensqualität in den Dörfern weiter bergab. Man kann es auch noch drastischer formulieren: Das Sterben der kleinen Ortschaften geht langsam, aber stetig voran. Einen ländlich strukturierten Landkreis wie Uelzen trifft das besonders hart – aus vielerlei Gründen. Das entscheidende Problem: Die Dörfer sterben und niemand tut etwas dagegen. Wo sind die Konzepte, um dieser fatalen Entwicklung gegenzusteuern? Die Politik beschäftigt sich mit Schuldenbergen, mit der Frage, welche Schulform denn die richtige sei für Uelzen. Ob IGS, Oberschule, Gymnasium – diese Frage stellt sich irgendwann gar nicht mehr, weil es dann nicht mehr genug Kinder gibt, die diese Schulen besuchen.

Wo sind die Diskussionen, die Versuche gegenzusteuern in den Gemeinderäten, in den Ortsräten? Hat sich der Kreistag jemals schon mit diesem Thema befasst? Hat man in der Stadt Uelzen noch nicht begriffen, dass ein Sterben des Umfeldes auch den Niedergang der Kreisstadt bedeutet? Wahrscheinlich muss es erst soweit kommen wie in manchen Landstrichen Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsen-Anhalts, wo der Bevölkerungsschwund mittlerweile so dramatisch ist, dass dieses Thema auf jeder Tagesordnung ganz oben steht.

Dass dieses Problem so hartnäckig ignoriert wird, ist nicht nur fatal für die Zukunft. Es auszuklammern ist auch so kurzsichtig, weil man sich damit viele Chancen verbaut. Denn es gibt genug Familien, die sich ganz bewusst für das Landleben entscheiden. Familien mit Kindern, die es rauszieht aus der Stadt. Aber wer mit solchen Plänen im Internet auf Suche nach einem neuen Zuhause geht, der findet in vielen Regionen Anreize. Der findet Kommunen, die das Landleben fördern und stärken. Sei es mit ökologischer Landwirtschaft, sei es mit gezielter Aufwertung der Dörfer. Die Palette der Möglichkeiten ist da schier endlos. Das Thema Landflucht wird für den Kreis Uelzen das größte Problem der nächsten Jahrzehnte sein. Und wenn die Politik es verschläft, rechtzeitig Antworten zu finden oder sich zumindest endlich diesem Thema zu stellen, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann die Lichter ausgehen in einer Region, die ohnehin nur noch als weißer Fleck zwischen Hamburg und Hannover wahrgenommen wird.

thomas.mitzlaff@cbeckers.de

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