Keine Verbesserung beim Personalschlüssel

Weste: Kindergartenleiterinnen sind enttäuscht von neuem Kitagesetz

Andrea Franco (links) und Claudia Reichenbach vor dem Waldorfkindergarten
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Andrea Franco (links) und Claudia Reichenbach, Leiterinnen des Waldorfkindergartens Weste, lehnen das neue Kitagesetz ab
  • Gerhard Sternitzke
    vonGerhard Sternitzke
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Heile Welt im Waldorfkindergarten Weste. Es ist vergleichsweise still in dem ehemaligen Landarbeiterhaus. Wegen der Pandemie ist nur die Hälfte der 34 Kinder anwesend.

Weste – Der Specht macht in den Bäumen Lärm. Bis die Kinder das Spielgelände unter alten Bäumen in Beschlag nehmen, hat er hier das Sagen.

Claudia Reichenbach und Andrea Franco machen dennoch sorgenvolle Gesichter. Nach fast 30 Jahren wird das niedersächsische Kita-Gesetz geändert – aus Sicht der beiden Leiterinnen, ohne dass dabei Qualität und Arbeitsbedingungen verbessert werden.

 Ich gehe häufig mit Kopfschmerzen nach Hause.

Claudia Reichenbach, Kindergartenleiterin

Dabei geht es vor allem um den Personalschlüssel. 25 Kinder passen in Niedersachsen in eine Kindergartengruppe, für die zwei Erzieherinnen bezahlt werden. Die müssen sich dabei oft zerreißen, um ihrer Aufsichtspflicht und ihrer pädagogischen Aufgabe gerecht zu werden. „Wenn ein Kind auf die Toilette muss, ist eine Kraft 15 Minuten gebunden“, gibt Claudia Reichenbach zu bedenken. „Pflaster aufkleben, Beule verarzten, zur Toilette begleiten“, zählt sie auf. Und nebenbei läuft die Sprachförderung und müssen die sogenannten Schulkinder im letzten Kindergartenjahr bei ihrem Projekt unterstützt werden.

„Wir sehen trotzdem mit unseren 95 Augen, dass jemand gefährlich hoch klettert“, erzählt Claudia Reichenbach. „Wir sehen das, aber wir verschleißen dabei. Ich gehe häufig mit Kopfschmerzen nach Hause.“

Vor den gesundheitlichen Folgen bis hin zum Ausscheiden aus dem Beruf warnt auch ein großes Bündnis, dem die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, die Konföderation der evangelischen Kirchen, die Landesarbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen und die Gewerkschaft Verdi angehören. In einem gemeinsamen Appell fordern sie von der Landesregierung Verbesserungen.

In einer Stellungnahme der freien Wohlfahrtsverbände heißt es: „Mit Kostenneutralität können die Bedingungen für Kinder in der frühkindlichen Bildung nicht bedarfsgerecht verbessert und zukunftsorientiert gestaltet und auch keine Teilhabe für alle Kinder gesichert werden.“ Und ohne Verbesserung der Rahmenbedingungen seien auch keine neuen Fachkräfte zu gewinnen.

Zu diesen Rahmenbedingungen zählt die Verfügungszeit. 7,5 Stunden pro Gruppe sind dafür im neuen wie im alten Gesetz vorgesehen, nicht einmal zwei Stunden pro Erzieherin und Woche, um Kinder zu beobachten, ihre Entwicklung zu dokumentieren, Elternabende durchzuführen, einzukaufen. „Wir machen jede Woche eine Konferenz. Dann sind die Verfügungsstunden schon aufgebraucht“, macht Andrea Franco deutlich.

Statt zuerst die Gebühren abzuschaffen, hätte die Regierung erst die Qualität verbessern müssen, findet sie. Im Gegenteil, das Land mache, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, sogar Abstriche bei der Qualifikation der Kita-Kräfte. „Es macht es nicht zur Profession, mit Kindern zu spielen. Wir sind kein Aufbewahrinstitut“, stellt Claudia Reichenbach klar. „Es ist eine Bildungseinrichtung.“

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