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„Wir rasen auf den Abgrund zu“

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Von: Lars Lohmann

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Ein Landwirt bringt bei Hanstedt I mit seinem Gespann Gülle auf einem Feld aus.
„Schwarz-Weiß-Denken hilft in den seltensten Fällen“, sagt Thorsten Riggert. Vielmehr müsse man wieder mehr miteinander reden. © DPA

Das Landvolk Niedersachsen feiert dieses Jahr 75. Geburtstag. „Der Name Landvolk drückt aus, dass es nicht nur um Landwirtschaft, sondern auch um den ganzen ländlichen Raum geht“, so Thorsten Riggert, Vorsitzender des Bauernverbandes Nordostniedersachsen. „Uns treiben doch alle dieselben Probleme des ländlichen Raumes um“, sagt er. Hauptbetätigungsfeld ist aber die Landwirtschaft, die vor enormen Herausforderungen steht.

„Wir rasen mit enormer Geschwindigkeit auf den Abgrund zu, was die Tierhaltung angeht“, sagt Riggert mit Blick auf die Sauenhalter. Er rechnet damit, dass 30 bis 40 Prozent der Sauenhalter im Sommer aufgeben werden. Denn einer Preissteigerung von 20 Prozent stünden Kostensteigerungen von 40 Prozent gegenüber. Das werde zu einer hohen Zahl von Betriebsaufgaben führen.

Kritisch sieht er das Verhalten des Lebensmitteleinzelhandels. Dieser würde zwar bessere Haltungsbedingungen fordern, aber wenn Landwirte konkret darüber Verträge abschließen wollen, gebe es keine, die die Kosten decken. „Qualität ganz oben. Aber Preis ganz unten. Das geht nicht“, sagt Riggert.

Das gelte auch für die ökologische Landwirtschaft, wo die Direktvermarktung zwar sehr gut laufe, aber der Handel auch hier die Landwirte an der langen Hand verhungern lasse. Denn auch hier seien die Vorgaben, wie die Lebensmittel auszusehen hätten, inzwischen sehr rigoros. „Der Apfel kann doch auch mal kleine Stellen haben, er schmeckt trotzdem“, sagt Riggert. Hier müsste man versuchen anzusetzen. Insgesamt vermisse er eine Wertschätzung für Lebensmittel in der Gesellschaft. „Die Leute schätzen ihr Handy oder ihr Auto, aber nicht ihre Nahrung“, meint er.

Daher fordere das Landvolk auch eine Herkunftskennzeichnung für alle Nahrungsmittel. Es könne nicht sein, dass die Zutaten für ein Produkt aus der ganzen Welt stammen und am Ende „made in Germany“ draufstehe, nur weil dort alles zusammengemischt worden sei. „Warum Frankreich und Österreich das umsetzen und wir nicht, kann ich nicht verstehen“, sagt Riggert.

So könne der Verbraucher oft nicht erkennen, unter welchen Bedingungen und wo die Produkte hergestellt wurden. Außerdem fordert das Landvolk, dass die gleichen Produktionsstandards für importierte Waren gelten wie für in Deutschland hergestellte.

Gleichzeitig muss es laut Riggert ein Modell geben, um den von der Regierung geplanten Umbau der Landwirtschaft zu finanzieren. „Wer will, dass die Tierhaltung reduziert wird, muss auch richtige Umstrukturierungsprämien zahlen“, sagt er. Wenn ein Stall, der gerade ein paar Jahre alt ist, nicht mehr genutzt werde, müsse der Landwirt weiterhin den Kredit dafür abzahlen.

Bisher müsste der Landwirt dafür oft sein Land verkaufen und der Betrieb schließt. „Da zuckt die Politik aber nicht, die sitzt das bisher aus. Weil es weniger kostet“, sagt Riggert. Das Gleiche gelte für die Wiedervernässung der Moore. Wenn diese gewollt sei, müsse der Landwirt wiederum angemessen dafür entschädigt werden. „Ohne eine Entschädigung wäre es eine kalte Enteignung“, sagt Riggert.

So wäre es aus seiner Sicht zum Beispiel möglich, CO2-Zertifikate für die Landwirtschaft einzuführen wie in Frankreich. „Wenn ich zum Beispiel einen Ackerbereich mit Karnickelboden habe, könnte ich dort einen Wald anpflanzen. Und die Einsparung an CO2 kriege ich bezahlt“, sagt Riggert.

Wichtig sei aber auch, das konventionelle und ökologische Landwirtschaft voneinander lernen. Dazu gibt es etwa das Finka-Projekt des Bauernverbandes Nordostniedersachsen. „Schwarz-Weiß-Denken hilft in den seltensten Fällen“, sagt Riggert. So würden auch konventionelle Landwirte vermehrt ihre Kartoffeln hacken und ihre Felder striegeln, um sie vom Unkraut zu befreien. „Wir müssen wieder mehr miteinander als übereinander reden. Das würde uns allen guttun.“

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