Kinder über Landräte in spe

Es war nicht zu vermeiden, dass ich auf dem Marktplatz zuhörte: „Der da sieht aus wie unser Pastor – sagt Oma“. Der so Beschriebene ist Kreisrat Dr. Heiko Blume, die Beschreibende eine ca. 6-7--Jährige mit Ranzen und Freundinnen.

Die kleine Truppe stand vor einer Werbefläche, auf der die für sich warben, die so gerne unser Landrat werden wollen.

Ich erweiterte den Zufall zum Projekt, bat die Truppe noch andere Kinder zu herbeizurufen und führte ein sogenanntes „non direktives assoziatives“ Interview durch (fast garantiert ohne Beeinflussung). Hier die Kommentare zu den Kandidaten (und diese in alphabetischer Reihung, um Manipulation zu verhindern):

Fortsetzung Heiko Blume nach der Beschreibung Nr. 1 (pastorale Züge): 2) „Der ist richtig rasiert.“ 3) „Der hat die schönsten Zähne.“

Jörg Krumböhmer: 1) „Mama sagt, der ist klug, weil er eine so hohe Stirn hat. Papa sagt, das sei nur eine Stirnglatze und die hätten heute alle modernen Männer.“ 2) „Der sieht aus wie mein Mathe-Lehrer und kann sicher gut rechnen.“ 3) „Schiefe Brille, aber gerade Augenbrauen – oder umgekehrt.“

Rainer Nowak: 1) „Dessen Ohrläppchen sind nicht angewachsen – und das heißt, er ist nicht geizig.“ 2) Der hat gerade was ganz Scharfes gegessen – das spannt die Lippen so.“ 3) „Der spielt sicher gut Fußball – die sehen auch so angestrengt aus.“

Rainer Fabel: 1) „Hat bestimmt schon Enkelkinder und spielt Kaufmannsladen“. 2) „Der isst sicher gerne Süßigkeiten.“

Konstruieren wir mal aus diesen kindlichen Beschreibungen den idealen Landrat. Aber vorher eine Erinnerung: Solche Konstruktion hatte schon mal die Wochenzeitung DIE ZEIT Ende der 60er gemacht, als der ideale Bundespräsident gesucht wurde. Damals galten Akademische Titel, Adelsprädikate und Amtsbezeichnungen noch was und lösten noch kindliche Vorstellungen aus wie: Bist du in Not – geh zum nächsten Uniformierten, der hilft Dir. Die ZEIT lästerte, dass der erwünschteste und aussichtsreichste Kandidat wohl ein „Landesbischof i.R. Prof. Dr.Dr.h.c.Freiherr von….“ sein würde. Aber Carl Friedrich von Weizsäcker (Prof. usw., aber kein Bischof) und der damalige hannoversche Landesbischof (kein Prof. und kein Freiherr) winkten ab bei der Anfrage…

Unser Landratsideal brauchte demnach einen sehr guten Zahnarzt (schöne Zähne), kleine, restliche pastorale Würde, deutliche Großzügigkeit in Wesen und Geld (Gegenteil von Geiz), eine Brille mit leichter Schieflage oder einseitig leicht hochgezogener Augenbraue (Hinweis auf die Betonung der dominanten Hirn-Hemisphäre, wunschgemäß naturwissenschaftliche Intelligibilität), eine geringe Behaarung des Gesichts (am besten Voll-Rasur nass) und eine gewisse angespannte Wachheit (für Fußballspiel und Politik) und immer Haribo-Bärchen in der Tasche wie Thomas Gottschalk.

Am 11. September sind Wahlen. Bis dahin mögen sich die Kandidaten noch zulegen, was sie für ihr idealeres Profil brauchen. Viel Erfolg.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter

Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter

az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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