Pflegemutter kämpft um Kinder

Jugendamt will Ebstorfer Pflegemutter mit fast allen Mitteln loswerden

Pflegemutter Sylvia Behringer mit ihren Pflegekindern
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Die Ebstorferin Sylvia Behringer will ihre Pflegekinder Finn und Marie (Namen geändert) nicht hergeben.
  • Gerhard Sternitzke
    VonGerhard Sternitzke
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Das Jugendamt hat ihr erst die Betriebserlaubnis entzogen, dann das Geld gestrichen und schließlich auch noch geklagt: Die Ebstorfer Pflegemutter Sylvia Behringer (49) kämpft um ihre Kinder.

Ebstorf – Sie könnten eine ganz normale Familie sein. Sylvia Behringer lebt mit Mann und zwei Kindern in Ebstorf. Ein schmuckes Einfamilienhaus, Garten mit Teich. Die üblichen Debatten wie in jeder Familie über Zähneputzen oder Aufräumen. Aber die 16-jährige Marie* und der 13-Jährige Finn* sind nicht die leiblichen Kinder. Weil die Mutter in der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat, sind sie beeinträchtigt. Ärzte nennen das Fetales Alkoholsyndrom, kurz FAS. Sylvia Behringer ist die Pflegemutter. Und kämpft nun um ihre Kinder.

Resolut muss man sein, um zwei FAS-Kinder zu erziehen. Da kann es auch mal laut werden. Nachbarn werden aufmerksam. Neunmal in fast neun Jahren gibt es Anzeigen wegen möglicher Kindeswohlgefährdungen. Neunmal stellt sich heraus, dass alles in Ordnung ist. Sylvia Behringer findet es auch richtig, dass Nachbarn nicht wegschauen. Es ist auch nicht der Grund, warum sie um ihre Kinder kämpfen muss.

Das ist eine echte Sauerei, dass das Jugendamt den Hilfebedarf der Kinder anerkennt, aber nicht zahlt.

Klaus Bange, Ombudsmann

Aber die 49-Jährige lässt sich auch gegenüber ihrem Arbeitgeber, über den die Pflege organisiert ist, nicht die Butter vom Brot nehmen. Sie kritisiert die Finanzierung durch den Träger, fordert eine zweite Kraft, unter anderem als Urlaubsvertretung ein. „Ich habe die ganzen Jahre allein gestanden, egal ob ich 40 Grad Fieber hatte oder zum Friseur musste“, erzählt die Ebstorferin. „Und ich habe die ganzen Jahre keinen Urlaub gehabt.“ Und dann weigert sie sich auch noch, in Corona-Zeiten Vertreter des Trägers und des Jugendamts ins Haus zu lassen. Schließlich seien sowohl die Kinder als auch ihr vorerkrankter Lebensgefährte gefährdet.

So viel Selbstbewusstsein kommt nicht gut an. Der Träger kündigt Sylvia Behringer zum Jahresende 2020. Der Fall wird derzeit vor dem Arbeitsgericht verhandelt. Der Landkreis beendet die Maßnahme und entzieht ihr bereits zum 31. Oktober die Betriebserlaubnis. Dass sie die Kinder offenbar über fast neun Jahre erfolgreich erzogen hat, spielt dabei keine Rolle. „Weil ich die Finger in die Wunde lege, muss ich weg“, glaubt die Ebstorferin, die jetzt noch 88 Tage Resturlaub hat.

Seit fast neun Jahren sind die Pflegekinder bei Sylvia Behringer

Schlimmer ist, dass der Landkreis mit Entziehung der Betriebserlaubnis auch die Zahlungen eingestellt hat, obwohl die Pflege der Kinder ein Vollzeitjob ist. Bis auf das Kindergeld, das die leibliche Mutter überweist, ist Sylvia Behringer ohne Einkommen, auch zu Weihnachten. „Ich verzichte lieber auf 100 Euro. Hauptsache, den Kindern geht es gut“, sagt sie.

Weil die resolute Ebstorferin nicht aufgibt, greift das Jugendamt im Uelzener Kreishaus zu einem Trick. Die Behörde strengt ein Verfahren zur Entziehung des Sorgerechts gegen die leibliche Mutter an, die weiter zur Pflegemutter steht. Sylvia Behringer verhalte sich nicht professionell, wirft man ihr vor. Sie stürze die Kinder in einen Loyalitätskonflikt gegenüber den Helfern von Träger und Jugendamt.

Das Familiengericht im Amtsgericht Uelzen kann jedoch keine ausreichenden Anhaltspunkte für Kindeswohlgefährdung erkennen. „Vielmehr besteht die Gefahr einer solchen durch die Herausnahme der beiden Kinder, welche in der Pflegestelle schon mehr als ein halbes Leben betreut werden und diese damit als Familie betrachten, gleichzeitig durch ihre gesundheitliche Beeinträchtigung besonderen Halt und Unterstützung brauchen“, stellt die Richterin fest.

Überhaupt handele es sich in dem Fall wohl eher um ein Kommunikationsproblem zwischen Pflegemutter, Träger und Jugendamt. Und weiter: „Es ist dem Gericht ohnehin nicht verständlich, wie sie (Sylvia Behringer, die Red.) über Jahre die Pflege und Erziehung der Kinder ohne eine ihr zur Verfügung gestellte Krankheits- oder Urlaubsvertretung bewältigen konnte.“

Die Kinder dürfen also in Ebstorf bleiben. Die Kindsmutter kämpft derzeit vor dem Verwaltungsgericht Lüneburg um die Auszahlung der sogenannten Hilfen zur Erziehung. Der Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz wurde zunächst abgelehnt.

„Das ist eine echte Sauerei, dass das Jugendamt den Hilfebedarf der Kinder anerkennt, aber nicht zahlt“, sagt Klaus Bange. Er ist Ombudsmann für Jugendhilfefragen im Landkreis Hildesheim und war selbst im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der Jugendämter in Niedersachsen und Bremen. „Die Kinder haben über die Hälfte ihres Lebens in der Familie gelebt. Die Erfahrung sagt, dass die Kinder nicht wieder rausgenommen werden können.“ Zudem habe das Jugendamt die Kinder in dem Verfahren nicht beteiligt. Für Bange steht fest: „So kann ein Jugendamt sich nicht verhalten.“ Im Übrigen wäre eine Unterbringung der Kinder in einer Jugendeinrichtung wohl wesentlich teurer. Der Landkreis äußert sich aus Datenschutzgründen nicht zum Fall. *Namen geändert

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