„Jedes verwirklichte Ideal führt zum Übel“

Die optimale Planung, auf objektiven Kriterien basierend, ist das Eine. Das Andere aber ist die vorhandene Realität, auf die sie trifft. Und nicht selten, dass beides einfach nicht zusammenpasst. Wohl nirgendwo ist dieses Dilemma so spürbar wie derzeit in Hohnstorf, wo sich Bürger gegen die – objektiv betrachtet – optimale Lösung für eine Tank- und Rastanlage bei Solchs-torf auf die Hinterbeine stellen.

Denn die 24-Hektar-Asphaltfläche, die allein für den Schwerlastverkehr 250 Parkplätze vorhalten soll, wird größer als der 200-Seelen-Ort Hohnstorf in 1000 Meter Entfernung und überhaupt bundesweit der drittgrößte Rasthof seiner Art werden. Das ist die Rea-lität. Und ganz real scheint im Moment auch, dass es zwischen Bürgern, Planern und Politik keine wirklichen Fronten gibt.

Vielmehr hat man den Eindruck, dass niemand so recht glücklich mit der Idee eben dieses Rasthofes an eben dieser Stelle ist. Natürlich hat jede Seite ihre Position. Die Hohnstorfer bangen um ihre Lebensqualität, und es ist verständlich, dass sie sich nach Kräften gegen die Pläne wehren. Die Planungsbehörde in Lüneburg erfüllt lediglich den Auftrag des Bundes. Nach dessen Vorgaben hat sie die Standorte von Tank- und Rasthöfen festgelegt, die idealerweise 50 bis 60 Kilometer auseinander liegen dürfen. Herausgekommen sind Solchstorf und Wollerstorf (Kreis Gifhorn), zwischen denen exakt 53 Kilometer liegen.

Vom Rasthof Hamburg-Stillhorn bis Solchstorf sind es ebenfalls rund 50 Kilometer. Würde man nun den Solchstorfer Rasthof nach Uelzen verschieben (wo er zumindest von der Mehrheit der Politik offensichtlich gewünscht wird), lägen zwischen Hamburg-Stillhorn und Solchstorf etwa 80 Kilometer – nicht optimal, aber machbar. Von Uelzen aus nach Wollerstorf wären es noch etwa 30 Kilometer – auch nicht optimal, aber veränderbar. Denn auch in Wollerstorf schreit niemand Hurra über die Rasthofpläne. So hängt es jetzt an der Politik. Sie gibt die Entscheidungsgrundlagen für die Planungsbehörde vor.

Und sie muss bei deren Gestaltung Flexibilität an den Tag legen, wenn die Volksseele derart kocht wie zurzeit in Hohnstorf. Natürlich sind gewisse Abstände zwischen Rastanlagen sinnvoll und wichtig. Natürlich müssen Brummifahrer die Chance haben, ihre vorgeschriebenen Fahrpausen einzulegen. Aber das wird auch noch der Fall sein, wenn zwischen den einen Rasthöfen mehr Kilometer liegen und zwischen den anderen weniger. Die Politik muss jetzt also tätig werden. Der chinesische Philosoph Dschuang Dsi sagt: „Ein Weg bildet sich dadurch, dass er begangen wird.“ Aber er sagt auch: „Jedes verwirklichte Ideal führt zum Übel.“

ines.braeutigam@cbeckers.de

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