Erinnerungen an heute

Interruptus

„Interruptus“? Das, woran die meisten denken, die sich in Sexualkunde etwas auskennen – das kommt erst in der 2. Hälfte dieser Kolumne vor.

Wem das zu lange dauert: Überlesen. Denn erstmal ist Weihnachten vorbei. Ja? Nein. Erst seit knapp 200 Jahren feiern wir ihn nicht mehr, den dritten Weihnachtsfeiertag, der heute wäre. Nicht nur J. S. Bach schrieb dazu etwas (die 3. Kantate im Weihnachtsoratorium, welches eigentlich die Sonntage nach Weihnachten vorwegnimmt). Auch andere schrieben Musik, Gedichte, Stücke zu den dritten Festtagen.

Heute schreibe ich dazu und zwar über das SOS – Signal allerorten im Umgang mit Zeit. Ich habe nur einen Vorsatz für 2012: Besseren Umgang mit der Zeit. SOS, das Notsignal auf See, meint das Save (S) our (O) souls (S) = Rettet unsere Seelen. Ich zünde jetzt die Signalrakete SOT = Save our time. Dabei gibt’s nichts durch Dritte bei mir zu retten, sondern ich muß mir eine Kunst des Umgangs mit Zeit im neuen Jahr vornehmen, welche ich gänzlich vernachlässigt habe, glatt verwahrlosen ließ.

Ich wurde wie so viele mitsamt meiner ganzen High-Tech- Kommunikation (Handy, Autotelefon, (2 Anschlüsse), Fax, email (3 Adressen) im Lauf der Zeit 2011 ein Asozialer im Blick auf Zeitumgang – mir und anderen gegenüber. Jetzt zum „Interruptus“. Normalerweise denken wir dabei an unterbrochene Sexualakte durch Kinderweinen, Postbotenklingeln, Wasserrohrbruch oder nur regelmäßiges Tropfen im benachbarten Badezimmer oder Tropfen von der nahen Kerze auf den Teppich, die die Romantik jäh verjagen. Oder eben eines der bösartigen Telephone, die ja einen überall hin verfolgen statt anständig auf einem Stand-Platz zu läuten.

Inter-ruptus (lat. von unterbrechen) meint jedoch im umfassenderen Sinne als dem Sexualsinn jede Art von Abbruch, jeden Unterbruch, jede Störung. Heutige Kommunikationstechnik macht‘s möglich: Kaum bahnt sich ein Gespräch an, das den Namen verdient: Interruptus. Interrupti gibt’s am sichersten, wenn wir ein Siziliano, ein zartes Wiegenlied über Kopfhörer hören, aber derselbe Kopf alarmiert ist, wenn er das Telephon hört. Oder auch nur die Haut sein Vibrieren fühlt. Interrupti sind garantiert bei Konferenzen und Konzerten, in Vorlesungen, auch wenn man flehentlich an das Abschalten erinnert.

Kommunikationszerstörende Interrupti durch kommunikationsfördernde HighTech sind so sicher in den verbliebenen Nischen für eine kleine progressive Muskelentspannung wie während des Amens in der Kirche. Interrupti gehören zum modernen, allzeit rufbereiten Mensch am stillen Seeufer oder auf heiliger Bergeshöh – na ja, und eben auch zum modernen Liebesleben, aus dem jede und jeder einen (an)rufen kann.

Und dann die Blinksignale auf Smartphone, Laptop, Netbook, stationärem PC (habe ich alles)…lieber Gott, die neuen Geräte in deiner Schöpfung haben wir zu Geißeln unserer selbst gemacht. Dabei könnten wir (wie weiland Martin Luther) nur selbst aufs Geißeln verzichten. Besseres neues Jahr wünscht nur noch schriftlich: Ihr Dienstags-Kolumnist.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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