Innerer Frühjahrsputz

Lieber Leser, liebe Leserin – haben Sie Ihre Neujahrsvorsätze schon an den Nagel gehängt? Oder erst gar keine gefasst? Dann kommt hier die gute Botschaft: Sie kriegen eine zweite Chance, ab nächstem Mittwoch. Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Fasten – seit geraumer Zeit schon umfasst dieses Wort mehr als nur die Nulldiät für Gesundheitsbewusste und Frömmler. Heute gibt es Süßigkeiten-Fasten (der Klassiker) und Autofasten, Läster-Fasten und mit der evangelischen Aktion „Sieben Wochen ohne“ jährlich eine neue Anregung zum Verzicht. 2011 lautet sie: Sieben Wochen ohne Ausreden.

Mit einigem Erfolg: Rund zwei Millionen Menschen beteiligen sich jedes Jahr an der Aktion, und immerhin ein Fünftel der Bundesbürger gibt in Umfragen an, bis zum Ostersonntag auf etwas Bestimmtes zu verzichten. Wieso machen die Leute das? Womöglich weil der Gedanke, etwas zu verändern, einen unwiderstehlichen Reiz ausübt – und weil die begrenzte Zeit von sieben Wochen es wahrscheinlicher macht, dass es auch klappt.

Dabei kommt es beim Fasten nach evangelischem Verständnis aber auf die innere Einstellung an: Fasten sollte sich nicht anfühlen wie ein Opfer (schon gar nicht für Gott), auch nicht wie ein Zwang. Und ich sollte es auch besser nicht mit dem Ziel verbinden, „noch toller“, noch ein bisschen perfekter zu werden. Eher könnte Fasten so etwas sein wie eine Übung, um das rechte Maß wiederzufinden.

Haben Sie Lust, es mal zu versuchen? Aber noch keine Idee, wie oder was sie fasten wollen? Dann fragen Sie sich: Wovon bin ich abhängig? Was stört meine Beziehungen – die zu meinem Nächsten, zu mir selbst und zu Gott? Wovon möchte ich frei(er) werden? Vielleicht werden es sieben Wochen ohne Überstunden – und dafür mit mehr Zeit, am Abend meiner Tochter noch was vorzulesen. Oder es geht der Zigarettenpause an den Kragen, die mir zwar Gelegenheit zum Schwatz mit dem Kollegen gibt, aber der Lunge, dem Teint und der Ehe schadet.

Es ist jedenfalls ein schönes Gefühl, etwas anders zu machen. Ein innerer Frühjahrsputz sozusagen. Und es tut gut, das mit anderen zusammen zu tun. In einer besonderen Zeit, auf Ostern zu. Und vielleicht sogar bis zum Ende durchzuhalten und einander am Ostersonntag auf die Schulter zu klopfen. Wie auch immer Sie fasten: Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen.

Julia Koll ist Pastorin in der ev.-luth. Kirchengemeinde St. Marien in Veerßen. Das Wort zum Sonntag finden Sie auch unter az-online.de/kolumnen.

Von Julia Koll

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare