„Heile mich“

„Korfu-Stadt, in diesem Sommer: Wie ein Volksfest wird der Tag des Inselheiligen gefeiert.

In den Gassen stehen feingekleidete Menschen, mehrere Musikkapellen kreuzen unseren Weg, und als wir uns der Kirche des heiligen Spyridon nähern, kommen uns Einheimische mit grünen Zweigen in der Hand entgegen. Eben haben sie den Sarkophag des Heiligen durch die Stadt getragen, und jetzt ist er im Altarraum ausgestellt. Die Kirche platzt fast aus den Nähten: Alle wollen nach vorne, um den Heiligen zu verehren, um vor ihm das Kreuz zu schlagen. Ungeduldig stehen sie an, versuchen mit den Wachleuten zu verhandeln, zeigen auf ihre Kinder oder verweisen auf einen Termin, den sie noch haben.

Warum stehen diese Menschen an?, frage ich mich. Was verbinden sie mit diesem Heiligen? Da sehe ich Kranke, die an den Absperrungen vorbeigeleitet werden, direkt in den Altarraum. Über den Inselheiligen werden viele Geschichten erzählt, aber besonders wichtig sind den Menschen die Geschichten von den Heilungen. Darum stehen sie also an. Sie möchten Gesundheit, vielleicht auch Heilung. Und als Zeichen dafür nehmen sie die Zweige mit nach Hause. Für mich ist dieser Heiligenkult erst einmal fremd. Aber mich fasziniert, dass die Sehnsucht nach Gesundheit hier einen ganz wichtigen Platz in der Kirche hat. Natürlich haben die Menschen auf Korfu auch ihre Ärzte, und zwar sehr kompetente. Aber sie bringen ihren Wunsch nach Gesundheit eben auch mit Gott in Verbindung.

Das erinnert mich an die Bitte, die wir vom Propheten Jeremia hören: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen“ (Jer. 17,14). Der Prophet lädt bei Gott seine ganze Not und Sehnsucht ab, ganz konkret. Genauso wie die griechischen Gläubigen geht er davon aus: Gott ist sich für das Konkrete nicht zu schade. Ganz im Gegenteil! Um das zu erfahren, müssen wir nicht zu den Heiligen pilgern. Beten können wir da, wo wir sind. Und zwar ganz konkret – für uns und für andere Menschen. Und Gott sei Dank gibt es auch in immer mehr Kirchen die Möglichkeit, sich persönlich segnen zu lassen. Für ein konkretes Anliegen, für eine konkrete Herausforderung. Wunder verspricht das nicht. Aber es gibt dir Kraft, heilsam für Seele und Leib.“

Gunther Schendel ist Pastor in Oldenstadt/Gr. Liedern und Mitarbeiter des So zialwissenschaftlichen Instituts der EKD. Das Wort zum Sonntag finden Sie auch online unter az-online.de/lokales/kolumnen.

Von Gunther Schendel

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