Heide-Pfauen

Wir haben welche – Pfauen im Dorf. Ich kenne die schillernd-bunten Paradiesvögel aus einem illustrierten Kindermärchenbuch meiner Kindheit. Darin lebten sie am Hofe des chinesischen Kaisers.

Der wurde unter einem großen Sonnenschirm beschattet (zwei Diener) und eingerahmt von zwei Pfauen (je 1 Diener und Schirm). Der Illustrator der beiden Edel-Vögel gab sein Bestes, um das, was er und die Kinder der 50er Jahre unter paradiesischen Farben verstand, in das Gefieder von Herrn Pfau und Frau Pfau zu malen. Dann – weil es eben hochedle Vögel sind – kenne ich Pfauen aus dem Holdenstedter Schlosspark, als es dort noch Schlossherr und Schlossherrin gab. Und natürlich die Pfauen in Walsrode und anderen Museen mit lebendigen Tieren. Ein Grund, weswegen Pfauen in Schlossparks, also bei edlen Menschen leben durften, ist sicher, dass Frau Pfau eine ebenso schöne Krone trägt wie Herr Pfau, ihm darauf bezogen also an Schönheit nicht nachsteht. Im Gegensatz zu den meisten anderen Vogel-Paaren. Pfauen sind Ideal-Modelle für Menschen. Jetzt leben die zwei Prachtvögel im Dorf. Nachbarin Barbara wünschte sich die Edeltiere und da ihr Mann sie liebt (nicht so sehr die Vögel, aber Barbara), stimmte er zu. Zwischen Hahn‘s Hof und Havelbergs Haus zogen sie bei Barbara und Ulli ein und kamen zunächst in Quarantäne: damit alle Hunde der Straße sich an die Pfauen gewöhnen. Und die an sie. Das ging (bisher) gut. Jetzt sind sie quasi konfirmiert, die Pfauen, also in der Freiheit der Pubertät und sollten eigentlich auf den Eichen und anderen hohen Bäumen ihrer Besitzer sitzen. Doch fast alle Nachbarn unserer Nachbarn haben Eichen u.ä. Täglich wechseln die Pfauen die Bäume und erobern das Dorf in alle Himmelsrichtungen. Sie drücken deutlich ihr Wohlbehagen aus. Das klingt, wie wenn Puter, Gänse, Enten und Kraniche einen einheitlichen Stimm-Misch-Sound fänden: Langgezogene Dialoge sind es, die unsere neuen Schöpfungsgenossen führen. Sie sind fast so eindringlich (hinsichtlich Dezibelstärke) wie unsere Feuerwehrsirene montags um 12 Uhr. Jedoch: Das Edel-Pärchen hält sich nicht an Uhrzeiten, sondern an Sonnenaufgänge mit und ohne Sonne und schreit begeistert den neuen Tag übers Dorf wie die Hähne, nur wagnerianisch opernhaft laut. Barbara und Ulli, besonders Ulli, befragten uns Nachbarn besorgt, ob ihr Familienzuwachs nicht störe. Ulli klagt gar über Schlafmangel, weil er sich um den Schlaf der Nachbarn sorgt. Keine Sorge: Der Kolumnist liebt dies Paradies auf Erden (mit Ohropax). Hans-Helmut Decker-Voigt war von 1990 bis 2010 Mitbegründer und Gründungsdirektor des Instituts für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und ist seit 1997 Präsident der Herbert von Karajan-Stiftung Köln. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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