Globale Kommunikation

Ich lauerte nur auf die erste Gelegenheit, es auszuprobieren und nahm an, dass es auf dem Flughafen der Fall sein würde. Auf der Hinfahrt von Uelzen über Lüneburg nach Hamburg sitzen selten Chinesen, so daß sich die Chance kaum bieten würde, es einzusetzen.

Es – dies Wunderding menschlicher Kommunikation in technischer Form, das Babylon unserer Welt, also alle unsere Sprach-Probleme lösen würde. Doch die erste Chance bot sich nicht in Fuhlsbüttel – auch da kein Chinese auf dem dem Hinflug nach Frankfurt. Aber dann im Terminal in Frankfurt – da saßen sie gleich in kleinen Päckchen, echte Chinesen, warteten auf den Flug nach Peking mit ihrer eigenen Linie (Air China).

Ich lauerte auf eine Gelegenheit, einen dieser Chinesen anlächeln zu können, aber ihre sonst von sich aus schneller lächelnden Gesichter waren wie die deutschen Gesichter verschwunden hinter Zeitung und im Laptop-Display.

Aber dann beim Check in – da war sie, die erste Gelegenheit! Ich rempelte den Chinesen mit Aktentasche und Handgepäckkoffer vor mir zwar nicht an, aber ich streifte ihn beim Ausziehen meiner Sachen für den Körper-scanner eine Spur mehr als nötig gewesen wäre für die Aufnahme eines Kontaktes. Ich nickte ihm betont erschrocken zu und nahm sein mir verzeihendes Lächeln und kurzes Nicken dankbar entgegen. Zusätzlich drückte ich dann auf die Leiste meines Handys, in dem ich auf Deutsch in diesem wundersamen Übersetzungsprogramm „Es tut mir leid“ schon vorher eingegeben hatte.

Es klappte – es klappte tatsächlich: „dui bu qui“ klang es aus meinem Wunderhandy, das ich meinem Vordermann hinhielt und die Frauenstimme machte daraus ein Charmanteres („Duibutschi“) als ich es je hätte sprechen können.

Mein erstes Kontaktopfer verließ sein Lächeln, wechselte über zu einem Strahlen des Gesichtes und antwortete etwas, was ich natürlich nicht verstand. Aber es hatte geklappt! Nur dass die Menschen hinter mir und der Beamte am Scanner vor mir etwas warten mussten, aber sie taten es. Neugierig, was ich da tat. Was mein Handy da tat.

Bis Sibirien hatte ich dann die ersten zehn Kontakte mit meinen verschiedenen Nachbarn durchtrainiert („Danke vielmals“ oder „Der Tintenfisch schmeckt sehr gut!“). Ich tippte jeweils ein, das Handy übersetzte, die Dame darin sprach es aus, ich halte das Ding dem Gesprächspartner entgegen…. Eine chinesische Mitfliegerin, die ich nicht angesprochen hatte, sprach mich an. Bzw. sprach mich ihr Handy an, in das sie eingetippt hatte (chinesisch): „Google hat ein noch besseres Programm“. Das hielt sie mir entgegen (deutsche Männerstimme) und ich antwortete ihr mit meinem Handy (chinesische Frauenstimme).

Das ist die neue Kommunikation der Zukunft: Wir globalisierte Menschen brauchen nicht mehr selbst zu sprechen. Wir tippen nur ein, halten uns die Handys entgegen, nicken (oder schütteln den Kopf). Wir tauschen Geschäftsangebote, Liebesangebote, Streitangebote… Wir müssen nicht mehr fehlerhaft miteinander sprechen. Wir lassen sprechen… fehlerfrei.

Hans-Helmut Decker-Voigt war von 1990 bis 2010 Mitbegründer und Gründungsdirektor des Instituts für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und ist seit 1997 Präsident der Herbert von Karajan-Stiftung Köln. Er ist per E-Mail erreichbar unter

Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter

az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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