Virtuosität durch Bits und Bytes

Gamescom 2019 und die Frage: Sind Computerspiele Kunst?

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DaVinci war einer, Goethe auch und Mozart erst recht. Die drei Herren aus vergangenen Zeiten haben alle eines gemeinsam: Sie waren künstlerisch sehr begabt und aus ihren Händen stammen viele bekannte Werke. Dazu gesellen sich auch Bansky, Hans Zimmer und viele weitere kreativer Köpfe. Doch in einer Welt, die sich immer weiter dreht, beschreibt das Wort "Kunst" noch viel, viel mehr.

Derzeit lassen in Köln auf dem Messegelände die unendlichen Welten aus Bits und Bytes für einen kurzen Augenblick das Sonnenlicht auf sich scheinen. Ein namenloser Held flitzt von Links nach Rechts über den Bildschirm. Die Augen des Spielers leuchten immer mehr auf, bevor er für einige Zeit in ein Paralleluniversum versinkt. Die Gamescom 2019 bietet auch dieses Jahr wieder einige Überraschungen ­– zum Positiven als auch zum Negativen. So haben EA-Games und Ubisoft ihre Standgröße etwas verringert. Blizzard hingegen sucht der Besucher vergeblich, der Publisher ist nicht auf der Gamescom vertreten. Positiv sind die breiteren Gänge und die weitaus mehr Sitzgelegenheiten, obwohl diese bei der Fülle der Spiele überflüssig sind.

Bereits am Dienstag – während des Fachbesuchertages – stand eine beachtliche Schlange an Menschen vor dem neuem Computerspiel "Need for Speed: Heat". Aber irgendwie wirkt die Gamescom immer surrealer. Während die einen Entwickler ihre Werke vor neugierigen Blicken von Außen schützen, nur wer brav in der Schlange steht darf gucken, geht es an anderen Ecken der Gamescom offener und herzlicher zu. "Drei Stunden warten für 15 Minuten zocken. Und eigentlich hat man nichts gesehen von dem Spiel, geschweige denn etwas darüber erfahren", sagte eine Besucherin. Früher wurden Spiele wie Kunstwerke einer breiten Masse, wie bei einer Vernissage, präsentiert. Heute wirkt es so, als würde das Spiel an zweiter Stelle stehen und die Vermarktung erstrangig sein. Doch inwieweit nehmen die Besucher, Fachleute und die Entwickler selbst Spiele als Kunstwerke war?

Jan & Noah: Jan Bubenik (r.) und Noah Carev (l.) sind seit geraumer Zeit im Gamebusiness. Beider Berliner arbeiten derzeit noch an ihrem Werk "Lonely Mountains: Downhill", das voraussichtlich im Herbst erscheinen soll. Bubenik ist davon überzeug das virtuelle Weltern weitaus mehr sind als Kunst, denn Kunst sei für ihn immer ein abgeschlossenes Produkt, was ein Spiel nicht immer ist. Es würde sich immer weiter Entwickeln.

Dabei müsste in der Theorie erst Mal geklärt werden, wo fängt der Begriff Kunst eigentlich an? Doch es ist schwer diesen zu definieren, denn jeder Einzelne hat eine eigene Sichtweise darauf. "Ich selbst würde ein Computerspiel nicht als Kunst ansehen. Kunst ist etwas abgeschlossenes für mich und das ist ein Spiel in vielen fällen einfach nicht", schilderte der Designer Jan Bubenik, der an dem Indie-Titel "Lonely Mountains: Downhill" mitarbeitet. Und fügte hinzu: "Nach einem Release würde weiter an einem Titel gearbeitet, Patches entwickelt und Bugs ausgemerzt." Für Bubenik sind die Digitalenwelten weitaus mehr. Sein Kollege und Grafikdesigner Noah Carev fügte hinzu: "Die Welten müssen ja auch irgendwie erst einmal aus dem Nichts erschaffen werden, das ist auch schon eine Art von Kunst. Wie gestalte ich meine digitale Welt für den Spieler, dass dieser schnell eintauchen kann." Und obwohl die Kunst der beiden Berliner schon drei Jahre in der Entwicklung steckt und sie weiter Feuer und Flamme sind, ist für den Herbst voraussichtlich ein Releasetag ihres Spiels geplant.

Antonia: Die 22-jährige Antonia Dreßler würde Computerspiele definitv als Kunstwerke bezeichnen. Sie ist auch der Meinung: das beim Spielen viel mehr Emotionen geweckt werden, als bei einem Film oder Buch, in denen der Betrachter keine Entscheidungen treffen kann.

Antonia Dreßler ist ebenfalls davon überzeugt, dass ein Spiel mehr bieten kann, als nur ein Buch, Film oder Foto. "Ein Computerspiel kann einen Menschen von der Story her viel mehr in den Bann ziehen. Auch die Emotionen verlaufen anders, als bei einem Film", schilderte die 22-Jährige aus der Nähe von Frankfurt am Main. Sie hatte auch gleich ein Beispiel parat - "The Elder Scrolls: Skyrim". "In dem Krieg zwischen den Nord und den Kaiserlichen muss ein Spieler sich für eine Seite entscheiden, doch welche ist die richtige? Die der Imperialisten oder die der Faschisten? Ein Film hätte einem die Entscheidung abgenommen", knüpfte Dreßler an. Die junge Frau hatte bereits im Kindesgartenalter angefangen, sich mit virtuellen Welten zu beschäftigen. Es sei dem älterem Bruder geschuldet, sagte sie und lachte. Ihr erstes Spiel war aus der Reihe von Bibi Blocksberg.

Ist ein Computerspiel Kunst? Dazu hat Manu Mikael Oehler eine ganz eigene Sichtweise. Er ist Senior-2D/3D-Artist und arbeitet an dem Spiel "Transport Fever 2", dieses ist eine Wirtschaftssimulation. "Puh, eine sehr gute Frage. Besonders weil auf meinem Kärtchen Artist steht", sagte der Schweizer. "Ich selbst würde eine virtuelle Welt eher als Spiel an sehen und nicht als eine Art von Kunst." Zwar seien die Prozesse zu einem fertigen Produkt mit künstlerischen Aspekten versehen, dazu zähle das Gesamtwerk an sich nicht. Es ist ziemlich schwer genau sagen zu können, ob ein Spiel nun Kunst ist oder nicht.

Justin: Justin Link spielt seit Kindergartenalter am Computer. Sein erster Titel, der bei ihm auf dem Rechner seines Opas lief hieß "Fuzzy & Floppy". Er selbst sagt: "Betrachtet man die einzelnen Abteilungen die ein Spiel durchläuft, Gamedesign, Grafik, Sound usw, dann ist schon jeder einzelne Abschnitt Kunst für sich."

Der Besucher Justin Link beschreibt es auf seine eigene Weise. "Ob nun das Gameplay auch als Kunst bezeichnet werden kann, würde ich bezweifeln", sagte der 20-Jährige aus der Nähe von Heilbronn. Er teilt die Meinung mit dem Schweizer Entwickler, obwohl er noch einen Schritt weitergeht. "Allerdings ist es beachtlich, was der Spieler alles mit einer Virtuellen Welt machen kann", knüpfte Link an und widerspricht sich fast. Doch er will damit etwas ganz anderes aussagen. Es gibt nämlich "Grand Theft Auto V"-Server, auf denen ausschließlich in Roleplay gespielt wird. Das bedeutet, dass jeder der solch einen Server besucht eine bestimmte Rolle einnimmt, die er gerne spielen würde. Schon allein der Aufbau und die Idee dahinter, beschreibt Justin Link als bemerkenswert.

Tobias: An sich ist alles Kunst an einem Computerspiel, ist Tobias Rester der Ansicht. Er selbst baut in Minecraft seit 2015 eigene Traumwelten auf und lässt sich dabei Filmen. So erlangte der heute 23-Jährige an die 150.000 Follower auf YouTube.

Dem stimmt der YouTuber Tryzes, sein bürgerlicher Name ist Tobias Rester, mit an die 150.000 Follower zu. "Schon allein, was du in Minceraft für Welten bauen kannst ist einfach bemerkenswert", sagte Rester. Es gebe sogar Personen, die dafür bezahlt werden, dass sie für einen Minecraft-Server virtuelle Welten anfertigen, beschreibt er weiter.

Nico: Der 13-jährige Nico Köstenberger aus Östereich ist ein noch sehr junger Gamer. Erst im vergangenen Jahr habe er die Spielwelt so richtig für sich entdeckt. Dabei fixierte er sich mehr auf Simulationsspiele. Er denkt, dass Ego-Shooter nicht so einen höreren künstlerischen Stellenwert haben wie Simulations- oder Rollenspiele.

Es gibt viele Meinungen dazu, ob nun ein Spiel Kunst sein kann oder nicht. Schon allein diese Frage auf der Gamescom beantworten zu müssen, war für viele eine kleine Herausforderung, so auch für Nico Köstenberger aus Östereich. Er ist mit seinen 13-Jahren zwar nicht der jüngste auf der Spielemesse, hat aber erst im vergangenen Jahr die virtuellen Welten für sich allein entdeckt. Vorher durfte er nur bei seinem Bruder über die Schulter schauen. "Ich bin der Meinung, das Ego-Shooter nicht unbedingt Kunst sind. Da würde ich Simulationsspiele mehr dazu zählen", schilderte der junge Österreicher.

Eine direkte Antwort auf die Frage, sind Computerspiel nun Kunstwerke, sucht man wahrscheinlich vergeblich. Obwohl, es gibt ja auch Filmkunst und warum kann es dann auch nicht eine Spielkunst geben? Das würde dann aber auch wiederum bedeuten, dass Ego-Shooter wie "Doom", "Counterstrike" und Co. ebenfalls künstlerisch wertvoll sind. Doch bei dieser Rubrik könnten die Meinungen von Fachleuten und Konsumenten weit auseinander gehen.

Von Paul W. Hiersche

Sind Computerspiele Kunst? AZ fragte auf der Gamescom nach

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