Freiheit für jeden Tag

„Freiheit ist das Ergebnis von Leistung“, so äußerte sich vor Jahren ein Vorstandssprecher der HypoVereinsbank. Das war noch lange vor der weltweiten Finanzkrise. Vor dem Hintergrund der heutigen Probleme in der Banken- und Finanzwelt wirkt dieser Satz beinahe sarkastisch.

Dennoch ist er bis heute die Losung, mit der praktisch jedes Kind aufwächst wie mit einem Heilsversprechen. Freiheit ist das Ergebnis von Leistung: gute Schulnoten, ein solider Abschluss in der Ausbildung oder im Studium, eine berufliche Tätigkeit, die ein gutes Auskommen und Erfüllung im Leben bietet. Leistung begründet die Freiheit, sich im Leben etwas leisten zu können und jemand zu sein.

Wir wissen, wie viele Menschen an diesen Ansprüchen scheitern. Sie bekommen keine Arbeit. Immer mehr Menschen halten dem Druck nicht stand. Aber auch die scheinbar Erfolgreichen fühlen sich meist alles andere als frei.

„Von der Freiheit eines Christenmenschen“ heißt eine Schrift, mit der Martin Luther vor 500 Jahren einen anderen, unzeitgemäßen Begriff von Freiheit geprägt hat. Für ihn besteht Freiheit vor allem in der Kunst, recht unterscheiden zu können: zwischen innerem und äußerem Menschen, zwischen dem Mensch als Person und dem, was er tut. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Denn dazu gehört eine andere Unterscheidung, die wir Menschen nach Luther noch zu keiner Zeit gut aushalten konnten: Gott und Mensch richtig zu unterscheiden; die eigene Begrenztheit zu erkennen und zu akzeptieren. Zu erleben, dass ich meinen Wert von außen zugesprochen bekomme als unperfekter Mensch mit meinen Grenzen, noch bevor ich überhaupt irgendetwas zustande gebracht habe. Diese Freiheit ist kein Ergebnis von Leistung und schon gar kein erreichbarer Zustand. Sie stellt sich ganz praktisch jeden Tag wieder neu ein im Dialog mit Gott, indem ich mir das Entscheidende geben lasse: die Freiheit, ich sein zu dürfen. Das befreit vor falschen Ansprüchen.

Luther: „Wir sollen Menschen und nicht Gott sein. Das ist die Summa.“ Diesen aufregenden Text einmal in aller Ruhe zu lesen und wirken zu lassen, ist eine echte Empfehlung, um sich auf den Reformationstag im Lauf der nächsten Woche vorzubereiten.

Martin Hinrichs ist Pastor der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Lüneburg-Uelzen. Das Wort zum Sonntag finden Sie auch im Internet unter az-online.de/lokales/kolumnen.

Von Martin Hinrichs

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