Entwurzelung erfahren

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In dem modernen Märchen vom Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry wundert sich der Prinz, dass er in der Wüste nirgends auf Menschen trifft. Er bittet die Blume um Auskunft: Wo sind die Menschen? Und die Blume erwidert: Die Menschen? Es gibt, glaube ich, sechs oder sieben. Ich habe sie vor Jahren gesehen, aber man weiß nie, wo sie sind. Der Wind verweht sie. Es fehlten ihnen die Wurzeln. Das ist sehr übel für sie.

In der Tat: Wer keine Wurzeln hat, schwankt dauernd hin und her, orientiert sich nur am anderen, verzichtet auf eigene Meinung und eigenen Charakter, lebt einfach so dahin. Ein oberflächlicher Mensch, sagen wir über einen solchen Zeitgenossen. Ein Mensch wie ein Nadelbaum, der seine Wurzeln dicht unter der Oberfläche hat und vom ersten kräftigen Herbststurm umgeworfen oder zumindest geknickt wird. So sind solche Menschen.

Gleichzeitig stellen diese Menschen an uns die Frage: Wo sind unsere Lebenswurzeln? Warum ist Zivilcourage so selten geworden? Warum sagt man so oft etwas hinter dem Rücken des anderen statt es ihm ins Gesicht zu sagen? Warum fällt es so unendlich schwer, allein in der Versammlung eine anders lautende Meinung zu vertreten?

Was auch immer wir darauf antworten mögen, eines gilt durch die Zeiten unseres Lebens hindurch: Gott hat uns das Leben gegeben, und er sagt mir jeden Tag aufs Neue: Du gehörst mir. Wenn ich auf ihn achte, dann erfahre ich, wie Gottes Zuneigung in meine menschliche Existenz hineinwächst und wie meine Lebenssehnsucht Gottes Liebe entgegen wächst.

Beim Wachsen im Glauben machen Menschen eine Verwandlungserfahrung, weil Gott nicht nur kommt, sondern Wohnung nimmt, weil menschliches Leben immer mehr zum Zentrum, zur Sammlung, zur Stille und zur Verantwortung findet.

Auch heute können wir wieder Wurzeln gewinnen und Gott erlauben, unserem Leben mehr Tiefe zu geben.“

Armin Sauer ist Pastor der Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Petri Uelzen.

Von Armin Sauer

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