Das Wort zum Sonntag

Eine Suppe voller Vorurteile

„Eine ältere Frau kauft sich im Schnellrestaurant eine Suppe. Sie trägt den dampfenden Teller an einen der Stehtische und hängt ihre Handtasche darunter. Dann geht sie noch einmal zur Theke, um einen Löffel zu holen.

Als sie zurückkehrt, sieht sie am Tisch einen dunkelhaarigen Mann, der ihre Suppe löffelt. Typisch Ausländer, was fällt dem ein?!, denkt die Frau empört. Sie drängt sich neben ihn, sieht ihn wütend an und taucht ihren Löffel ebenfalls in die Suppe. Sie sprechen kein Wort, aber nach dem Essen holt der Mann für sie beide Kaffee und verabschiedet sich dann höflich. Erstaunt bedankt sich die Frau mit einem Lächeln. Als sie ebenfalls gehen will, hängt ihre Handtasche nicht mehr am Haken unterm Tisch. Also doch ein hinterhältiger Betrüger. Das hätte man sich doch gleich denken können! Mit rotem Gesicht schaut sie sich um. Er ist verschwunden. Aber am Nachbartisch sieht sie ihre Handtasche. Und einen Teller Suppe, inzwischen kalt geworden.“ Mit einem Augenzwinkern erzählt diese kleine Geschichte von Gastfreundschaft und Vorurteilen. Wie wunderbar, wenn jemand auch einem nicht gerade respektvollen Mitmenschen gegenüber so gastfreundlich sein kann. Wie traurig, wenn Vorurteile Gesellschaften spalten und dazu führen, dass Menschen gewalttätig werden. Der Bibelspruch, der über diesem Sonntag steht, erzählt davon, dass unser Gott uns Menschen nicht nur gastfreundlich aufnimmt, sondern uns sogar zu Mitbürgern und Hausgenossen in seinem Reich macht. Wir sind eingeladen bei Gott, nicht nur zum Gucken aus der Ferne, sondern ganz in seine Nähe als seine Mitbürger und Hausgenossen. Wer dort noch alles aufgenommen ist, entspricht vielleicht nicht immer unseren menschlich-kleinlichen Vorstellungen. Aber das haben wir zum Glück nicht zu entscheiden im Reich Gottes. In Gottes Nähe erfahren wir Gerechtigkeit und Liebe. Und wer das erfährt, der kann auch im alltäglichen Miteinander respektvoll und gastfreundlich über den Tellerrand schauen. Dazu will uns der Wochenspruch aus dem Brief des Paulus an die Epheser stärken: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“

Katrin Dieckow ist Pastorin in Bad Bevensen und Medingen.

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