Eine Provokation – Gott sei Dank!

Heute ist Reformationstag. Ein Gedenktag im Kirchenjahr – mitten in der Woche. Martin Luther soll am Vorabend zum Fest Allerheiligen 1517 an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg 95 Thesen angeschlagen haben, mit denen er die Bußpraxis in der damaligen katholischen Kirche verändern wollte.

Luther wollte mit dem Inhalt dieser Thesen provozieren – etwa, dass durch das Werk der Liebe der Mensch besser wird.

Im Laufe der 16. Jahrhunderts entwickelten sich so neue Einsichten, das Evangelium zu lesen und zu deuten – die Heilige Schrift, in der sich Gott den Menschen bis heute offenbart. Neue Formen des Sich-zu-Gott-Bekennens entstanden. Heute ist es fast unvorstellbar, dass die evangelische Kirche noch jemanden provoziert. – Oder?

Genervt wird „Kirche und Glauben“ ins Private abgeschoben oder für „belanglos“ erklärt. Dennoch stehen die evangelischen Kirchen nicht hinter ihrem Anspruch zurück, Teil dieser Gesellschaft zu sein, die sie durch ihre Mitglieder prägt und gestaltet. Sehr bewusst verkünden wir mit der Botschaft von einem lebendigen Gott, dass sich der Mensch nicht aus sich selbst heraus verdient. Im Gegenteil. Es geht nicht darum, einem Gott oder jemand anderem zu zeigen, was man alles verdient und geleistet hat, um „wer“ zu sein. Es ist umgedreht. Gott sagt zuerst: „Du bist mein liebes Kind, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Stellen Sie sich vor, wie das ein Mensch zu ihnen sagt, dem Sie sich nahe verbunden fühlen? Wie fühlt sich das bei Ihnen an? „Du bist mein lieber Freund!“ – „Meine liebe Schwester!“

Diese Zusage – diese Wertschätzung des Menschen – gestaltet ihn nicht nur in seiner Einzigartigkeit. Mit dieser Zusage setzt unser Glaube kreative Kräfte frei, die Menschen in unserer Gesellschaft immer wieder „nerven“, provozieren und herausfordern. – Gott sei Dank!

Michael Dierßen ist Schulpastor an der Georgsanstalt/BBS II. Das Wort zum Reformationstag finden Sie auch im Internet unter az- online.de/ kolumnen

Von Michael Dierßen

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