„Eine kleine Welt für sich

Wittingen - Von Holger Boden. Welche Vor- und Nachteile bringt eine Autobahnraststätte? Das fragen sich in Wittingen derzeit nicht nur die Politiker. Nachdem sich deutlich abzeichnet, dass eine Tank- und Rastanlage (TuR) ihren Platz an der A 39 im Stadtgebiet finden wird, wird es Zeit, sich mit den Details zu beschäftigen.

• Ökonomische Aspekte: Eine Tank- und Rastanlage sollte, wenn die Investitionen abgeschrieben sind, Gewerbesteuer in die Kasse der Kommune fließen lassen. Auch Arbeitsplätze sind damit verbunden.Zum jetzigen Zeitpunkt Zahlen zu nennen, ist schwierig: Einnahmen und Zahl der Beschäftigten hängen vom Verkehrsaufkommen und der Größe der Anlage ab. Aus einer im Internet verfügbaren Aufstellung der Stadt Windischeschenbach zu verschiedenen Raststätten geht hervor, dass üblicherweise mit 20 bis 50 Arbeitsplätzen gerechnet werden kann. Welche Qualität diese Stellen haben, ist eine andere Frage.Mitunter ist zu beobachten, dass eine Raststätte eine Art "Schaufenster der Region" ist. Touristische Vorteile könnten sich somit ergeben, darüber hinaus könnte sich die Möglichkeit der Vermarktung regionaler Produkte bieten.Freilich muss zunächst einmal ein Betreiber für eine TuR gefunden werden. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich, wie das Beispiel der A 20 in Mecklenburg-Vorpommern zeigt, wo mehrere Standorte nicht belegt sind. Dass dieses Szenario auch an der A 39 drohen könnte, glaubt Christian Budde, Sprecher des Wirtschaftsministeriums in Hannover, nicht: Aufgrund des erwarteten Verkehrsaufkommens gelte der Betrieb einer TuR als wirtschaftlich, mithin sehe man diese Frage für die A 39, die als Ausweichtrasse für die A 7 und die A 2 gilt, "unkritisch". Auf der A 39 wird südlich von Uelzen mit 25- bis 30 000 Fahrzeugen pro Tag gerechnet. Zum Vergleich: Auf der vielbefahrenen A 2 im Raum Hannover/Braunschweig rollen in Spitzenzeiten täglich bis zu 90 000 Fahrzeuge.An der A 39 zwischen Lüneburg und Wolfsburg sollen auf zwei bewirtschafteten und vier unbewirtschafteten Rastanlagen insgesamt 900 Lkw-Parkplätze und 330 Pkw-Parkplätze geschaffen werden. Die zweite Raststätte in dem Abschnitt soll bei Secklendorf im Landkreis Uelzen liegen.• Ökologie und Landschaftsbild: Eine TuR verändert natürlich die Landschaft. Etwa 10 Hektar Flächenverbrauch werden im Wittinger Fall bislang als Planzahl angegeben. Die Eutzener Bürger, die keine Raststätte in ihrer Gemarkung haben wollen, argumentieren mit Zerstörung des Landschaftsbildes, erhöhter Luftbelastung und "ständiger, tagheller Beleuchtung" gegen das Projekt.Die Stadt Wittingen fordert vor diesem Hintergrund, die TuR an der VW-Teststrecke zu bauen, weil dort Wald anstelle von wertvollem Ackerland vernichtet würde und Anwohner nicht so unmittelbar betroffen wären wie etwa bei Eutzen oder Wollerstorf. Durch Ausgleichsmaßnahmen würde ohnehin die Natur an anderer Stelle aufgewertet. Direkt Betroffene haben davon freilich nicht viel.Und Lärm? "Lärm kann man wegen der Abstände vernachlässigen", sagt der Wolfenbütteler Chefplaner Bernd Mühlnickel. Das soll heißen: Durch die Einhaltung von Grenzwerten bliebe die Belastung offiziell im zumutbaren Rahmen. Dass einzelne Anwohner – sofern vorhanden – sich schon allein aus psychologischen Gründen nicht trotzdem von Geräuschen gestört fühlen würden, darf dagegen kaum erwartet werden. Eine Autobahn völlig ohne Geräusch-Emissionen ist nicht zu haben.• Kriminalität: Die Eutzener führen in ihrer Meinungsäußerung, die sie an die Stadt Wittingen übergeben haben, ins Feld, dass die Kriminalität an Autobahnabfahrten und Rastplätzen "extrem" zunehme. Doch laut Hubert Schwaninger, Leiter der Braunschweiger Autobahnpolizei, geht zumindest von einer TuR in dieser Hinsicht keine Gefahr für das Umland aus.In Schwaningers Dienstbereich fällt die hochfrequentierte A 2, und von deren Rastplätzen kennt er Delikte wie Tankbetrug oder aufgeschlitzte Lkw-Planen. Aber: "Uns ist nicht bekannt, dass das auf die Umgebung ausstrahlt." Es sei nicht damit zu rechnen, dass jemand über den Zaun einer Rastanlage steige, um im nächsten Ort einen Einbruch zu begehen – die Autobahn sei "eine kleine Welt für sich".Bekannt ist, in erster Linie aus Orten unweit der A 2, dass die Autobahn und ihre Auffahrten als schnelle Fluchtwege, etwa nach einem Navi-Diebstahl, genutzt werden. Die Spur führt oft nach Osteuropa. Dass diese Situation auf die A 39-Auffahrten übertragbar sein wird, glaubt Schwaninger angesichts der Nord-Süd-Ausrichtung dieser Route nicht.• Konkurrenz? Sollte auf Wittinger Gebiet aus irgendwelchen Gründen doch keine TuR möglich oder gewollt sein – die Nachbarkommune Bad Bodenteich würde die Anlage "liebend gern aufnehmen", wie Samtgemeindebürgermeister Rainer Kölling sagt. Er weiß, dass bestimmte Abstände zwischen einzelnen Tankstellen einzuhalten sind – doch andererseits liegen nur drei bis vier Kilometer zwischen dem potenziellen Standort am Kanal bei Wollerstorf und der Kreisgrenze. Ihr Interesse hat die Samtgemeinde Bad Bodenteich bei den Planern bekundet. Zudem hat die Kommune inzwischen auch schon eine Absichtsplanung für ein Gewerbegebiet an der A 39 verabschiedet.

Erschienen: 16.01.2010: IK / 13 / Seite:3

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