Eine Frage der Perspektive: Der A 39-Nutzen und die B 4-Alternative

„Mies“ oder „gut“?

+
Autobahnfreier Raum im „Viereck“ Lüneburg-Wolfsburg: Von den dunkelsten Stellen sind es mehr als 40 Minuten bis zur nächsten Anschlussstelle.

Wolfsburg. Mit dem neuen A 39-Gutachten will sich IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Zeinert  bei der Berliner Politik „dafür einsetzen, dass die Autobahn kommt“.

Das Papier des Baseler Beratungsunternehmens Prog Trans, das sich selbst als „unabhängig und frei von jeglichen Interessensbindungen“ charakterisiert, soll dabei helfen. Freilich überzeugen die Ergebnisse der Schweizer nicht jeden: Der autobahnkritische Landesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (LBU) mit seinem Sprecher Eckehard Niemann zeigte sich gestern überzeugt, dass die „faktenbezogene Auseinandersetzung“ mit dem Gutachten die Argumente gegen das Projekt „noch plausibler“ machen werde.

Niemann verwies einmal mehr auf das zwischenzeitlich von 3,2 auf 1,9 gesunkene Nutzen-Kosten-Verhältnis. Der Wert sei „mies“, und Niemann erwartet, dass er angesichts weiterer Kostensteigerungen noch weiter sinke. Die Kostenschätzung für die 105 Kilometer lange Trasse war 2012 von rund 600 Millionen auf 1,1 Milliarden Euro nach oben korrigiert worden.

Das Nutzen-Kosten-Verhältnis (NKV) führte auch Stephan Kritzinger von Prog Trans ins Feld – allerdings als Argument für den Bau der Autobahn. 1,9 sei „gut“, auch wenn es Projekte gebe, die auf einen besseren Wert kommen. In der Lesart der IHK gilt ohnehin ein NKV, der über 1 liegt, als positiv, weil dann der Nutzen die Kosten übersteigt. Zeinert betonte aber auch, dass der Wert nicht das alleinig ausschlaggebende Kriterium sein werde: Es gehe auch um die Herstellung gleicher Lebensbedingungen für einen bisher vom Autobahnnetz abgekoppelten Raum.

Zeinert erwartet sogar, dass der Gesamtnutzen noch steigen wird – aufgrund von einem prognostizierten Anstieg des Verkehrsaufkommens, durch das erwartete Wachstum der Gütermengen in den Seehäfen und durch die geplante feste Fehmarnbelt-Querung, die Effekte auf den gesamten Verkehr in Norddeutschland haben werde.

Kritzinger skizzierte, dass von der A 39 „besonders starke regionalökonomische Impulse“ zu erwarten seien. Er gehe von einer Stärkung von Schlüsselbranchen wie Logistik, Ernährung und Automotive aus, und auch der Tourismus werde insgesamt eher profitieren – auch wenn eine Autobahn nicht jedem gefalle. IHK-Chef Zeinert folgerte, dass mit der A 39 durch die Stärkung von Wirtschafts- und Wohnstandorten auch Impulse gegen den Bevölkerungsschwund gesetzt werden könnten.

Auch mit dem dreispurigen B 4-Ausbau, wie ihn die Autobahngegner als Alternative fordern, hat sich das Baseler Team beschäftigt. Das Ergebnis laut Kritzinger: „Der Lückenschluss der A 39 ist die Vorzugsvariante. Der B4-Ausbau ist nicht die angemessene Lösung für die Region.“ Martin Exner von der IHK verwies in dem Zusammenhang darauf, dass eine Autobahn statistisch gesehen deutlich mehr Verkehrssicherheit biete als eine ausgebaute Bundesstraße.

Autobahngegner Niemann moniert derweil, dass der B 4-Ausbau bislang nicht ernsthaft untersucht worden sei, und dass dies jetzt erst von der rot-grünen Landesregierung nachgeholt werde. Eine Planfeststellung für das Autobahnprojekt bleibe wegen der fehlenden Vergleichbarkeit „fehlerhaft“ und damit anfechtbar.

Niemann glaubt zudem an „fehlerhafte Verkehrsprognosen“, Planungsmängel bei der Querspange B 190n und eine „Unterbewertung des Schutzgutes Mensch“. Zahlreiche „fundierte Einwendungen“ hätten schon jetzt weitere Erörterungstermine für den nördlichsten Autobahnabschnitt bei Lüneburg nötig gemacht. Und überhaupt würden die A 39-Gegner und ihr Schutz- und Klagefonds die A 39 „gegebenenfalls zusätzlich durch Klagen verhindern“.

Von Holger Boden

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare