Zuflucht für den Prinzen

Auf den Spuren seiner Kindheit im Kloster Ebstorf: Äbtissin Krüger (links ) empfing Eduard Prinz von Anhalt (2.v.r.)

Ebstorf - Von Jürgen Köhler-Götze. „Ich würde gerne noch einmal den Klostergarten sehen“, bittet Eduard Prinz von Anhalt die Äbtissin des Klosters Ebstorf, Erika Krüger. „Gibt es den Gravensteiner-Apfelbaum eigentlich noch? Und den Teich, den ich von meinem Fenster aus sehen konnte?“

Während der Führung, die die Witwe seines vor kurzem verstorbenen Schulfreundes, Johana Thode, übernommen hat, kommen die Erinnerungen wieder: Die Orgel in der Kirche, deren Blasebalg er mit großem Spaß getreten hat, der große Leuchter oben im Nonnenchor, selbst in den Privatgemächern der Äbtissin ist er schon gewesen. „Manchmal erinnert sich die Nase besser als die Augen“, sagt er.

Von 1945 bis 1951 hat Prinz Eduard im Kloster gewohnt und ist in Ebstorf zur Schule gegangen. „Für mich war das hier eine Oase des Friedens. Hier tat mir keiner was. Das hätten sie auch so empfunden, wenn Sie aus einem naziverseuchten Schloss gekommen wären.“ Naziverseucht deswegen, weil sich Prinz Eduards Vater, Herzog Joachim Ernst von Anhalt, 1934 mit Goebbels überworfen hatte. Der hatte nämlich einen der Vorfahren des Prinzen, Albrecht den Bären, einen vermeintlichen Slawenfresser, als Symbolfigur für die „Volk ohne Raum“-Propaganda einsetzen wollen. Der Herzog sollte eine Standarte mit Albrechts Bild bei einem Aufmarsch tragen, doch der weigerte sich – nicht ohne Folgen.

„Die Stiftungen meines Vaters wurden von den Nazis enteignet“, erzählt der Prinz und auf dem Schloss wurde eine Napola, also ein Eliteinternat für Musternazis eingerichtet.

„Trotzdem haben die Nazis die Missionierungsversuche bei meinem Vater nie aufgegeben. Die schickten ihm immer wieder irgendwelche Granden, die ihn auf ihre Seite ziehen sollten.“ Weil der aber standhaft blieb, wurde er „1939 für wehrunwürdig erklärt und zur Zwangsarbeit verurteilt“. Die Missionierungsversuche der Nazis gingen weiter. 1944 schickten sie ihm dann Ludolf-Hermann von Alvensleben, die rechte Hand von Heinrich Himmler und nach 1945 gesucht wegen Mordes an mindestens 4247 Polen. „Der Mann hatte sogar in der SS einen schlechten Ruf, weil er persönlich dafür gesorgt haben soll, dass ein Teil seiner Familie, unter anderem seine polnische Schwägerin, liquidiert wurde“, sagt Prinz Eduard. Als sein Vater erfuhr, wer da auf dem Hof stand und von ihm empfangen werden wollte, „da hat er das Gewehr genommen und ihn vom Hof geschossen. Glauben Sie mir, mein Vater konnte gut schießen. Der hat absichtlich daneben geschossen.“ Die Folge war, dass sein Vater ins KZ Dachau kam.

Das hat er noch überlebt, aber kurz nach Kriegsende wurde er schon wieder verhaftet, diesmal vom russischen Geheimdienst NKWD, und wurde ins ehemalige KZ Buchenwald gebracht, jetzt ein Speziallager des NKWD, wo er 1947 starb.

„Das fanden russische Soldaten so ungerecht, dass sie meine Mutter und meine vier Geschwister nach Friedland brachten.“ Von dort aus ging es dann ins friedliche Kloster Ebstorf.

Nur an der Ebstorfer Volksschule will Prinz Eduard kein gutes Haar lassen: „Das sadistische Fräulein, das mir damals mit dem Rohrstock die Fingerkuppen blutig geschlagen hat, vergesse ich niemals.“ Die Narben, die das hinterlassen hat, kann er heute noch zeigen. Seit Sonntag weiß er nun auch wieder ihren Namen. „Hier hat man mir meine Schulphobie beigebracht, die ich nie losgeworden bin. Ich bin damals in der ersten Klasse gescheitert.“

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