Nichts für Einzelkämpfer

Wie ein Wriedeler Hausarzt sich im demografischen Wandel aufstellt

Die Wriedeler Hausärzte Christian Vahle und Robert Schröder (von rechts) arbeiten nun mit den Urologen Dr. Christian Kluike und Dr. Ulrike Boneß zusammen.
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Die Wriedeler Hausärzte Christian Vahle und Robert Schröder (von rechts) arbeiten nun mit den Urologen Dr. Christian Kluike und Dr. Ulrike Boneß zusammen.

Wriedel – Mittags um eins. Die letzten Patienten haben die Hausarztpraxis Wriedel verlassen. Vom Tresen, in Corona-Zeiten mit einer Plexiglasscheibe versehen, fällt der Blick in eines der Behandlungszimmer. Patientenliege, Arztstuhl, Computer, die Porträts der drei Kinder.

Auf den ersten Blick ein Bild wie in vielen Arztpraxen. Der Unterschied: Christian Vahle, der die Praxis seines Vaters 2013 übernommen hat, hat sich mit weiteren Ärzten zusammengetan. Nun baut der 44-Jährige das medizinische Angebot weiter aus. Ab November gibt es jeweils am Donnerstagvormittag auch eine urologische Sprechstunde.

„Es geht darum, Konzepte zu entwickeln, wie wir für Versorgungsengpässe im ländlichen Raum eine Lösung finden“, sagt Vahle. Wie berichtet, gibt es etwa in Rosche Schwierigkeiten, eine Hausarztstelle neu zu besetzen. Selbst in Regionen im Speckgürtel von Hamburg bleiben inzwischen Praxen verwaist. Bereits jetzt versorgt Vahle Patienten aus Munster und Bispingen. Und das ist erst der Anfang, denn viele Hausärzte werden sich in den nächsten Jahren zur Ruhe setzen. Gleichzeitig werden die Patienten älter und sind deshalb weniger mobil.

Vahles Lösung: Ein Praxisverbund mit mehreren Ärzten. So übernahm er 2018 eine Praxis in Amelinghausen und nahm zunächst Robert Schröder und später Barbara Peters als Partner auf. Die drei Hausärzte sowie zwei Assistenzärzte betreuen nun gemeinsam die beiden Praxen. Der Vorteil: Macht ein Team Urlaub, kennen die Patienten bereits ihre Ärzte am anderen Standort – und umgekehrt. Die Patientendaten sind bereits im Computer. Das ist ein Stück Arzneimittelsicherheit und erspart Patienten die höhere Zuzahlung für Kleinpackungen.

Die Praxis- und Ärzte-Gemeinschaft ist aber auch ein Versuch, die hohe Arbeitsbelastung, die durch viele organisatorische Arbeiten noch gestiegen ist, auf mehrere Schultern zu verteilen. „Die Work-Life-Balance sieht nicht mehr so aus, dass man 60, 70 Stunden arbeitet und die Kinder nur bei der Taufe und beim Abitur sieht“, macht Vahle deutlich. „Aus diesem Grund war für mich bereits vor Jahren klar, dass ich nicht als Einzelkämpfer alt werden möchte oder kann. Wir wollen alle den Spaß an der Arbeit behalten.“ „Es ist immer auch eine persönliche Entscheidung, wie viel Zeit man arbeitet“, meint sein Praxispartner Robert Schröder (41). „Man sollte achtsam und ausgewogen arbeiten, damit man nicht verbrennt.“

Dennoch kommt Hausarzt Vahle immer noch auf 30 Stunden Sprechstunde und Hausbesuche sowie zehn bis 15 Stunden Büroarbeit, dazu monatlich 40 bis 50 Stunden Notdienst an den Wochenenden. Zusätzlich übernimmt Vahle zwei- bis dreimal im Monat Nachtdienst auf dem Notarztfahrzeug in Bad Bevensen und engagiert sich mit seinem Kollegen in der Palliativversorgung.

• Die neue Sprechstunde übernehmen die Urologen Dr. Christian Kluike und Dr. Ulrike Boneß als Zweigstelle ihrer Praxis am Wasserturm in Lüneburg. Eine Voranmeldung ist zwingend notwendig, für externe Patienten nur über die Praxis am Wasserturm. VON GERHARD STERNITZKE

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