Der Natendorfer Professor Dr. Thomas Vogel befasst sich mit dem Thema „Mäßigung“

Wenn weniger mehr ist...

Gerade in der Vorweihnachtszeit steht für viele Menschen der Konsum ganz oben – doch die Gesellschaft braucht eine Rückbesinnung auf das rechte Maß, meint der Natendorfer Professor Dr. Thomas Vogel. Foto: dpa
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Gerade in der Vorweihnachtszeit steht für viele Menschen der Konsum ganz oben – doch die Gesellschaft braucht eine Rückbesinnung auf das rechte Maß, meint der Natendorfer Professor Dr. Thomas Vogel.
  • vonInes Bräutigam
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Natendorf. Gerade in der Vorweihnachtszeit verfallen viele Menschen jedes Jahr neu einem Konsumrausch. „Ein Umdenken, Besinnung und Mäßigung wären angesichts der sich immer deutlicher abzeichnenden ökologischen Krisensymptome dringend angezeigt“, stellt Professor Dr.

Thomas Vogel vor diesem Hintergrund fest. Der Natendorfer ist Hochschullehrer und beschäftigt sich seit Langem mit Fragestellungen der gesellschaftlichen Naturkrise und wie man ihr durch Bildung in Schule und Beruf begegnen kann. Aktuell plant er die Veröffentlichung eines Buchs zum Thema „Mäßigung – Über eine alte Tugend und ihre Zukunft“. AZ-Redakteurin Ines Bräutigam hat mit dem Professor für Berufs- und Schulpädagogik über das rechte Maß gesprochen.

AZ-Interview

Herr Vogel, was denken Sie, wenn Sie dieser Tage Menschenmassen sehen, die sich mit vollen Einkaufstüten durch die vorweihnachtlichen Innenstädte drängen?

Es liegt mir absolut fern, gegen diese Menschen den moralischen Zeigefinger zu erheben. Die meisten von uns wissen, dass sie viel, oft viel zu viel besitzen. Jedoch frage ich mich, ob die Menschen sich beim Geschenkekauf hinreichend Gedanken über den Sinn der Geschenke machen.

Warum ist unsere Gesellschaft so maßlos geworden?

„Weniger ist manchmal mehr“ – sagt auch Professor Dr. Thomas Vogel.

Für die Maßlosigkeit unserer Gesellschaft gibt es im wesentlichen drei Erklärungsansätze: 1. Entwicklungsgeschichtlich war es für den Menschen über lange Zeit immer ein (Überlebens-)Vorteil, mehr zu haben als zu wenig. Das hat sich der Menschheit ins Bewusstsein eingeprägt. Aber dieses Streben nach dem Immer-Mehr kann ihr mit den heutigen technischen Mitteln zunehmend zum Verhängnis werden. 2. Die meisten Menschen in den Industrieländern müssen ständig in entfremdeten Verhältnissen arbeiten, die ihnen ein hohes Maß an Selbstdisziplin abfordern. Im Kern lautet die Kritik, dass das ständige Konsumieren den Menschen einen Ausgleich für Arbeitsleid und für ungenügende soziale Anerkennung liefert.

Um das Leben ertragen zu können, benötigen wir „Linderungsmittel“.

3. Die (Sozial)Psychologie erklärt die gegenwärtige Maßlosigkeit damit, dass das Leben, das uns Menschen auferlegt ist, zu schwer ist. Es bringt zu viel Schmerz, Enttäuschungen und unlösbare Aufgaben, die nicht bewältigt werden können. Um das Leben ertragen zu können, benötigen wir deshalb „Linderungsmittel“.

Warum braucht es heutzutage eine Besinnung auf „das rechte Maß“?

Eine Besinnung auf das rechte Maß ist erforderlich, weil wir die globalen ökologischen Grenzen des Wachstums schon lange überschritten haben und die Gefährdungen unserer Lebensgrundlagen zunehmend deutlicher erfahren. Aber nicht nur die Natur „brennt aus“; immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft leiden am Burnout-Syndrom oder an Depressionen. Wir spüren zunehmend, dass uns das Streben nach Immer-Mehr nicht glücklicher macht.

In welchen Bereichen des Lebens ist eine Mäßigung am dringlichsten?

Angesichts der globalen Probleme muss sich im Grunde genommen unser gesamter Lebensstil wandeln. Es geht nicht nur um die Zahl der Güter, die wir konsumieren, sondern auch um unseren Umgang mit Zeit und Raum.

Mäßigung ist nicht das Gleiche wie Askese.

Askese, Selbstbegrenzung und Genügsamkeit mögen für viele nicht gerade reizvoll klingen...

Die Forderung nach Mäßigung wird oft mit Verzicht und Opfer gleichgesetzt und deshalb abgelehnt. Mäßigung ist aber nicht das Gleiche wie Askese. Es geht dabei vielmehr um das Nachdenken und Reflektieren über das eigene Handeln. Die Menschen empfinden zunehmend das Arbeitsleben, die vielen Termine, die Beschleunigung der Prozesse, die Werbeflut und die vielen Güter, die sie besitzen, als Belastung und wollen davor fliehen. Manche fliegen dann drei bis vier Mal im Jahr in ihr „Paradies“, andere suchen Ausgleich im Konsum und wieder andere werden psychisch krank.

Wie kann man Mäßigung lernen?

Eigentlich muss man Mäßigung gar nicht lernen; denn jeder Mensch mit einem gesunden Verstand und einer natürlichen Sensibilität hat ein Gespür für das rechte Maß. Das Gespür für das rechte Maß kann – kulturell bedingt – abstumpfen und sogar in Süchten krankhaft degenerieren. Bildungsprozesse können dem vorbeugen. Unser Bildungssystem könnte Bedingungen fördern, unter denen man Mäßigung leichter erlernen kann. Hierzu gehört einmal die Förderung der ästhetischen Bildung. Mäßigung ist außerdem eine alte Lebensweisheit, die dem Selbstverlust des Individuums vorbeugen soll. Die gestärkte Persönlichkeit fragt sich, ob der Konsum lediglich das Leid am Dasein lindern soll und es letztlich doch nur verschleiert, zeitlich verschiebt oder vorübergehend lindert. Nur selbstbewusste Menschen können das rechte Maß für ihr Leben und die gesellschaftliche Entwicklung bestimmen und sich dafür einsetzen.

Ist also weniger wirklich manchmal mehr?

Ja! Es gibt schon einen klaren Trend zur Mäßigung. Immer mehr Menschen sehnen sich nach einem einfacheren Leben. Und die deutsche Pop- Gruppe „Silbermond“ singt in ihrem Hit „Leichtes Gepäck“: „Eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent nicht brauchst.“ Besser kann man die Philosophie der Mäßigung kaum auf den Punkt bringen.

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