Jugendlager für den Nachwuchs

Völkische Siedler auf den Dörfern – Spur führt in den Landkreis Uelzen

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Jugendliche der Heimattreuen deutschen Jugend (HDJ) haben am Lönsstein in Müden Aufstellung genommen. Die Aufnahme stammt von der HDJ selbst und wurde den Autoren Röpke und Speit zugespielt.

Ebstorf – Die Spur führt immer wieder in den Landkreis Uelzen: Wenn Rechtsextreme für eine Holocaustleugnerin demonstrieren oder die Identitäre Bewegung eine Aktion startet – immer wieder sind auch Gesichter aus dem Kreisgebiet dabei.

Rechtsextreme Strukturen, völkische Ideologie, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, sind keine fernen Phänomene, sondern machen sich nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch auf Dörfern in der Heide breit. Das ist die Botschaft von Andrea Röpke und Andreas Speit, die am Donnerstagabend auf Einladung der Initiative Beherzt in der völlig überfüllten Kulturbühne Altes Lichtspielhaus in Ebstorf zentrale Thesen aus ihrem neuen Buch „Völkische Landnahme – Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos“ vorstellten.

Lager der Heimattreuen deutschen Jugend (HDJ) bei Eschede. 

Sie alle verbindet die im 19. Jahrhundert entstandene völkische Ideologie, die von der Überlegenheit der weißen Rasse und Kultur ausgeht, die rein erhalten werden muss. Bewusst lassen sich sogenannte Siedler auch in der Lüneburger Heide nieder, um hier Familien zu gründen und ihre Kinder nach völkischen Grundsätzen großzuziehen. Dabei werden Rassebewusstsein, Leistungsdenken, Opfergedanke und ein traditionelles Rollenbild von Mann und Frau weitergegeben, erklären die Autoren. Etwa 100 Personen in der Lüneburger Heide sollen dieser Szene angehören.

„Eine schlummernde Kultur soll erweckt werden, um dieses kranke System abzulösen“, gibt Andrea Röpke die Motivation der Siedler in ihrer Diktion wieder. Manche Familien sind auch im Kreisgebiet seit Generationen ansässig. Die Autoren nennen in diesem Zusammenhang die Orte Bienenbüttel, Hohnstorf, Seedorf und Masendorf.

Andrea Röpke, Rechtsextremismus-Expertin

In diesem Dorf finden, ebenso wie bei Eschede, regelmäßig Treffen der rechten Jugendorganisation Sturmvogel statt, die aus der verbotenen Wiking-Jugend hervorgegangen ist. Bei Brauchtum und Spielen mit Wettkampfcharakter wird dem Nachwuchs der Familien die völkische Idee eingeimpft. „Die Kinder wachsen mit Feindbildern auf“, sagt Andrea Röpke. Auch das Lied der Hitlerjugend „Nur der Freiheit gehört unser Leben“ wird bei solchen Treffen, etwa auch der Heimattreuen deutschen Jugend, angestimmt. 2009 wurde sie verboten.

Maitanz bei Edendorf. Völkische Siedler gibt es in mehreren Dörfern im Kreisgebiet. 

Die Erwachsenen treffen sich bei Sonnenwendfeiern oder bei anderen Brauchtumsfeiern wie beim völkischen Maitanz in Edendorf. „Nichts gegen diese Bräuche, aber sie werden vereinnahmt“, sagt Andrea Röpke. Dabei werden Spenden gesammelt, damit sich jugendliche Siedler auf dem Land niederlassen können.

Beide Autoren weisen anhand einzelner Teilnehmer Verbindungen zu Parteien am rechten Rand wie NPD und AfD nach, aber auch zur Identitären Bewegung, die sich offiziell von Neonazis abgrenze, aber erfolgreich völkische Ideen per Video-Clip im Internet verbreite. Bei Aktionen wie einem Volkstanz auf den Hamburger Elbbrücken tauchen Vertreter aus der Szene auf. „Man trifft sie immer wieder, aber sie glauben, sie müssen nicht Verantwortung übernehmen.“, sagt Andrea Röpke.

Andreas Speit, Rechtsextremismus-Experte

Das Beunruhigende: Dorfbewohner leben manchmal jahrelang neben Siedlern, ohne zu merken, wes Geistes Kind sie sind. Das ist durchaus Strategie. Besonders, wenn die Siedler ein Gewerbe betreiben, seien sie bemüht, nicht aufzufallen. „Wir haben es mit selbstständigen Handwerkern und Pädagogen zu tun“, betont Andreas Speit. Manche engagieren sich in Vereinen, in Dorfgemeinschaften, im Gemeinderat. Viele Siedler betreiben ökologischen Garten- oder Landbau.

In dem Vortrag darf nicht die Geschichte von Sighild fehlen, einem vierjährigen Mädchen, das sterben musste, weil seine Eltern dem Kind die Insulinbehandlung verweigerten. Die Familie lebte in Wieren.

„Von den Behörden ist nichts zu erwarten. Da wird nicht gewarnt“, bedauert Andreas Speit. „Sie hätten die Pflicht, über das Treiben der Siedler aufzuklären.“

VON GERHARD STERNITZKE

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Lesen Sie auch den Kommentar "Rechtsextreme Strukturen: Wir alle sind gefragt!" von AZ-Redakteur Andreas Urhahn über die Gefahr von verborgenen, rechtsextremen Strukturen in der Lüneburger Heide.

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