Über den Wipfeln

Noch ist es nicht sicher, ob ein Baumkronenpfad wie im Nationalpark Hainich in Ebstorf überhaupt möglich ist. Eine Studie soll Auskunft geben. Foto: dpa

Ebstorf. Wortwörtlich aus der Vogelperspektive könnten Besucher künftig den Klosterflecken Ebstorf erleben – wenn das Projekt Baumkronenpfad realisiert wird. Ein möglicher Standort ist bereits gefunden, Investoren werden noch gesucht.

Eine Machbarkeitsstudie soll jedoch zunächst klären, ob das Großprojekt im Klosterflecken technisch und wirtschaftlich überhaupt umsetzbar wäre. Ihren aktuellen Untersuchungsstand präsentierten die Architekten am Donnerstag auf einem Bürgerinformationsabend – vor etwa 20 Zuhörern.

Ausgeguckt haben sich Architekten, Tourismus- und Forstexperten sowie Gemeindevertreter das Gebiet um den Ahrensberg. „Der Wald ist äußerst interessant. Wir finden dort etwa 15 unterschiedliche Baumarten – Misch- und Nadelwälder“, erklärt Architekt Jürgen Othmer. Durchschnittlich seien nur fünf bis sieben Baumsorten vertreten. Darum ist Ebstorf für die Planer interessant, obwohl Baumwipfelpfade traditionell eher in bergigem Gelände entstehen – Voraussetzungen mit denen der Ahrensberg mit seinen acht Metern Höhe nicht dienen kann. „Genau diese Struktur der Lüneburger Heide ist aber das Reizvolle“, sagte der zweite Architekt im Bunde, Werner Hillmann. Denn dank der Artenvielfalt gibt es in jeder Jahreszeit etwas Neues zu entdecken und Besucher können ihren Blick weit über das „platte Land“ schweifen lassen. Bis zu 33 Meter soll der Pfad in die Höhe führen. „Ab 30 Metern ist man über den Wipfeln der Laubwälder. Die Douglasien sind am Ahrensberg bis zu 40 Meter hoch. Am höchsten Punkt des Pfades hat man also eine erstaunliche Sicht auf die Baumkronen“, sagt Othmer. Auf dem Weg zur Spitze erwarten Besucher Lehrtafeln über die Welt des Waldes, die auch für Seh- und Hörbehinderte geeignet sind. Zu Beginn geht es für Besucher nach jetzigen Planungen erst einmal in die Tiefe. Angelehnt an die Optik eines Fuchsbaus werden Touristen unter die Erde geführt, um Wurzelwerk und Erdschichten genauer unter die Lupe nehmen zu können. In den weiteren Stockwerken folgen Informationspavillons verschiedener Interessengemeinschaft wie NABU, BUND oder die Niedersächsischen Landesforsten. Auf Außenwegen geht es dann hinauf in die Baumkronen. „Es geht darum, das Kapital vor Ort den Besuchern nahe zu bringen“, sagt Othmar. Umsetzen wollen die Architekten das durch naturnahen, sanften Tourismus. Keine spektakulären Attraktionen, sondern Perspektivwechsel sollen Besucher locken – ab dem vierten Jahr etwa 135 000 im Jahr.

Getauft haben die Experten ihr Kind „Waldweltenpfad“ – in Anlehnung an die Ebstorfer Weltkarte. Das soll dem Ebstorfer Weg, der dann der nördlichste in der Bundesrepublik wäre, Charakter verleihen und die Vermarktung erleichtern – die des Weges und des Ortes. Ein Konzept, das auf geteilte Meinung stieß. „Wir halten das grundsätzlich für umsetzbar. Mit dem Auferstehungsweg, dem Kloster und dem Arboretum setzen wir bereits auf naturnahen Tourismus“, sagte Gemeindedirektor Torsten Wendt. Hans Peter Hauschild lobte den Planungsstand, wies auf den Zeitfaktor hin: „Es wäre ärgerlich, wenn jemand anderes so ein Projekt vor uns umsetzt.“ Erfahrungsgemäß fahren Besucher für das Erlebnis Baumkronenpfad bis zu 200 Kilometer. Der Ebstorfer Pfad hätte daher ein Einzugsgebiet über Hamburg und Hannover hinweg.

Kritik äußerten Einwohner: Der Pfad zerstöre die Umwelt, das Gesamtensemble und würde zu viele Touristen in den Flecken locken. „Wir sollten versuchen, den Weg um jeden Preis zu verhindern. Die Landschaft ist dort dann für immer zerstört“, sagte Ernst Müller-Andrae. Seine Frau merkte an: „Der Ahrendberg ist für uns eine Oase, Erholung pur. Das wäre er nicht mehr, wenn hier so viele Besucher sind.“

Die komplette Machbarkeitsstudie wird, wenn sie fertig ist, vorgestellt. Die Kommune würde den Pfad selber nicht betreiben. Um das rund 5,3 Millionen-Euro-Projekt umsetzen zu können, werden nun Investoren gesucht.

Von Wiebke Brütt

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