1728 wird eine Kindsmörderin in Ebstorf enthauptet – Wilhelm Spangenberg lädt zu Gedenkstunde ein

Die Tragödie der Henriette Christine

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Wilhelm Spangenberg auf Spurensuche: Nur eine Schautafel weist noch auf die Existenz der Zehntscheune am Ebstorfer Domänenplatz hin. Wo heute die Mauritiusschule steht, wurde 1728 die wohl letzte Todesstrafe des Klosterfleckens vollzogen. 

Ebstorf. Ihre Lage ist ausweglos. Henriette Christine von Appel liegt in den Wehen und ist verzweifelt. Ganz allein, in der Dunkelheit des Ebstorfer Klosters, bringt sie in der Nacht zum 20. Oktober 1727 ein Kind auf die Welt. Es wird ein Hurenkind sein.

Denn Henriette Christine von Appel ist nicht verheiratet, hat sich aber – so steht es in ihrem Geständnis in den historischen Aufzeichnungen – „leyder zu allerhand liederlichkeiten“ mit einem gewissen Herrn von W. hinreißen lassen. Henriette Christine fällt den Entschluss: Sie wird ihr Neugeborenes töten. So geschieht es noch in dieser Nacht. Dann versenkt sie das Kind in einem Brunnen. Doch die Tat fliegt auf. Am 6. Februar 1728 wird die damals 31-Jährige in der Zehntscheune am Domänenplatz als Kindsmörderin enthauptet. Es ist die wohl letzte in Ebstorf vollstreckte Todesstrafe überhaupt.

Für Wilhelm Spangenberg ist dieses Datum, das nunmehr 290 Jahre zurück liegt, Anlass für eine Gedenkveranstaltung. Am Dienstag, 6. Februar, heißt der Masendorfer Interessierte dazu am Ebstorfer Kloster willkommen. Wer daran teilnehmen möchte, sollte sich bei ihm anmelden unter Telefon (0 58 05) 13 02 oder per Mail an Wilhelm.Spangenberg@web.de.

Spangenberg verbindet seine Familiengeschichte mit dem Klosterflecken. Sein Großvater war Rektor der dortigen Mittelschule. An ihrer Stelle stand bis 1956 die Zehntscheune, in der Henriette Christine von Appel hingerichtet wurde, „auf einem roten laken“, wie es in den Chroniken heißt. Sie wird 31 Jahre alt. Heute befindet sich an diesem Standort die Mauritiusschule.

Das peinliche Hals-Gericht kostet etwas mehr als sieben Taler.

„Eigentlich hat mich die Renovierung des Glockenturms in Masendorf auf dieses Thema gebracht“, verrät Wilhelm Spangenberg, pensionierter Geschichtslehrer und eifriger Heimatforscher. Im Juni vergangenen Jahres wurde das kleine Schmuckstück erneut eingeweiht. Am 16. April 1445 hatten Burghard von Appel, der Besitzer des adeligen Hofs zu Masendorf, und sein Bruder Harneyd von Appel, Propst zu Uelzen, gemeinsam die Kapelle zu Masendorf gestiftet.

„Die Familie von Appel saß von 1302 bis zum Aussterben im Mannesstamm im Jahre 1792 auf dem adeligen Hof in Masendorf“, weiß Wilhelm Spangenberg. Christine von Appel ist damals zu Besuch bei ihrer Schwester Catharina, einer Konventualin im Klostern Ebstorf. Nach dem Tod ihrer Eltern lebt sie bei ihrem Onkel in Masendorf, bei ihrem Bruder in Ostfriesland, als Gesellschafterin in Beutersen – bis sie nach Ebstorf kommt. „Die jungen, adeligen Mädchen wurden damals regelrecht herumgereicht“, erläutert Wilhelm Spangenberg.

Vermutlich wird Christine von Appel die Belegschaft des benachbarten Kavaliershauses zum Verhängnis. Dort, so Spangenberg, lebten damals junge Herren. Kavaliere eben. Genaues jedoch sei über den gewissen Herrn von W. nicht bekannt. Die Kavaliershäuser standen früher dort, wo heute der Spielplatz am Domänenplatz ist.

„Das alles war damals eine große Schande“, berichtet Wilhelm Spangenberg. Noch am Abend ihrer Hinrichtung wird Henriette Christine von Appel auf dem Ebstorfer Kirchplatz beigesetzt. Heimlich und in aller Stille. Um die Tragödie der jungen Frau zu besiegeln, notiert der Ebstorfer Amtsverwalter und Kornschreiber am 5. August die entstandenen Kosten des Falls: „Das peinliche Hals-Gericht“ kostet etwas mehr als sieben Taler.

Von Ines Bräutigam

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