„Sauer macht lustig“

Marco Erdmann erfüllt sich mit der Ebstorfer Essigfabrik einen Traum

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Blick in die ehemalige Ebstorfer Essigfabrik: Im Obergeschoss des ältesten Gebäudes hat sich der neue Besitzer Marco Erdmann eine Sitzecke und eine Staffelei aufgebaut. Links der Käfig des ehemaligen Aufzugs.

Ebstorf – Kaum zu glauben: Es riecht wieder nach Essig an der Alten Salzstraße – viele Jahre nach Einstellung der Produktion in der Essigfabrik Dr. Suhr. Fensterscheiben sind eingeworfen, Dächer eingestürzt.

Drinnen, in einer hohen Halle, steigt der Geruch beißend in die Nase. Marco Erdmann schaufelt den Inhalt eines alten Produktionsbehälters beiseite. Der 37-jährige Ebstorfer hat die Immobilie mit Geschichte zum Jahreswechsel erworben und bereits einzelne Gebäudeteile abgerissen.

Der 27 Meter hohe Fabrikschlot überragt alles.

Wie kleine Lockenwickler rollen die Buchenholzspäne von dem Haufen. „Auf ihnen wurden Essig-Kulturen angesiedelt und anschließend Alkohol darübergeleitet“, erklärt Erdmann. Zu Füßen des 27 Meter hohen Fabrikschlots hat er aus Bauschutt einen Hügel aufgeschüttet, der nun unter den essiggetränkten Spänen verschwindet, um anschließend begrünt zu werden. „Ich mache viel allein“, erzählt Erdmann.

10.000 Quadratmeter groß ist das Gelände. Über den Kaufpreis schweigt Erdmann. Er stellt aber klar, dass die Fabrik, die über ein Jahrhundert Arbeitsplatz für viele Ebstorfer war, nicht einfach aus dem Ortsbild verschwindet. Drei der nicht denkmalgeschützten Gebäude und den alten Schornstein will er erhalten. „Es wird hier auch nichts Neues gebaut. Was stehen bleibt, wird saniert“, betont er.

„DESCO – Dr. E. Suhr & Co.“ – der Schriftzug am zentralen und höchsten Bau ist nur noch zu erahnen. Die Ziegelsteine der verschwundenen Fabrikteile liegen in exakt aufgeschichteten Stapeln zu seinen Füßen. Sie werden bei der Sanierung wiederverwendet, kündigt Erdmann an. „Die alten Gebäude sind grundsolide.“

Ob er selbst einmal mit seiner Familie in die Fabrik einzieht, ob hier Loftwohnungen entstehen oder Gewerbebetriebe einziehen? „Ich weiß es selbst noch nicht“, sagt Erdmann. „Ich habe in jede Richtung Ideen. Ich werde mir alles offenhalten.“ Erste Sondierungsgespräche über den Umgang dem Gebäudebestand hat der gelernte Versicherungskaufmann aber bereits im Bauamt des Landkreises geführt.

Die alte Fabrik ist ein Abenteuerspielplatz für große Jungen, nicht nur für die Hobbyfotografen, die es immer wieder hierher zieht. Auch die Bundespolizei und das Mobile Einsatzkommando der Polizei haben hier bereits geübt. Über staubbedeckte Holztreppen mit und ohne Geländer, die von Generationen von Arbeitern abgeschliffen wurden, über Holzkisten und Bretter, die fehlende Stufen ersetzen, geht es in die verschiedenen Abteilungen. Geborstene Balken hängen in Produktionshallen, in die durchs Dach Tageslicht fällt. Ein riesiges Holzfass soll 10.000 Liter fassen.

„Sauer macht lustig“: 10.000 Liter fasst ein großes altes Holzfass. Daneben eine alte Werbetafel.

Zwischen blinden Scheiben fällt der Blick auf Nachbargebäude, die noch verschwinden, wie die Bisulfitproduktion oder der Lagerschuppen. Im Büro noch ein paar Original „Gurkol“-Flaschen und die letzten Akten des Traditionsbetriebs. „Sauer macht lustig“, heißt es auf einem Werbeschild. Erdmann genießt diesen Schwebezustand zwischen Verfall und anstehender Sanierung.

Seit vielen Jahren ungenutzt: alter Lastkran.

Im etwa 20 Meter hohen Hauptgebäude von 1885 steht auf einem Teppich ein Sofa mit Sesseln. Es ist ein hoher Produktionssaal mit großen Fenstern, einer einfachen, freistehenden Holztreppe mitten im Raum und dem alten Aufzugskäfig. Auf einer Staffelei steht ein Bild in bunten Farben. „Ich finde die Lage gut. Ziemlich weit oben, ein bisschen Farbe...“, erzählt Erdmann.

Er genießt die Atmosphäre in den alten Gebäuden, die Geschichte, die zwischen den Mauern präsent ist. „Das ist einmalig. Es gibt im Umkreis nichts Vergleichbares“, schwärmt der Ebstorfer. „Ich finde alte Häuser cool. Fabriken finde ich interessant.“

Mit der alten Fabrik hat sich Erdmann einen Traum erfüllt. In Ebstorf hat er bereits ein Haus aus den dreißiger Jahren saniert. Aber in dem Produktionsgebäude irgendwann wohnen? „Die Sanierung würde immense Kosten verursachen“, weiß Erdmann. Noch ist eben alles offen. „Ich blicke zurück auf das, was ich geschafft habe. Damit bin ich bisher gut gefahren.“

VON GERHARD STERNITZKE

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Start als Schnapsbrennerei

Ebstorf – Insgesamt vier Fabriken hatten ihren Sitz früher im Umfeld des Ebstorfer Bahnhofs, darunter eine Dünger-, eine Leimproduktion und eine Fabrik für chemische Industrie mit Hauptsitz in Berlin.

Die Essigfabrik entstand 1885 in Altenebstorf zunächst als Sprit-Aktiengesellschaft von Bauern und Gutsbesitzern, die aus den angelieferten Kartoffeln Schnaps, den sogenannten Klaren, und Spiritus herstellte, weiß Ebstorfs Ortschronist Hans-Joachim Lüllau. Eine Aktie aus dem Jahr besitzt er.

Nach Adressbüchern zu Beginn des 20. Jahrhunderts firmierte Dr. Ernst Suhr zunächst als Direktor, später kaufte er das Werk mit Bahnanschluss. Sein Sohn Dr. Hans Suhr, Ingenieur und Chemiker, weitete die Produktion auf viele chemische Produkte aus, unter anderem auch Salz- und Schwefelsäure. Bekanntestes Produkt war jedoch der Kräuteressig Gurkol zum Einmachen von Gurken.

Die Essigfabrik war neben der Saatzucht größter Arbeitgeber im Flecken. Auch einen Lebensmittelgroßhandel mit Sitz am Neuen Felde in Uelzen gründete Suhr.


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