„Man sieht sie alle groß werden“

50 Jahre Kindergarten in Ebstorf, 25 Jahre DRK-Leitung – Kinder, Eltern und Erziehung im Wandel

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Seit 25 Jahren ist sie Leiterin des DRK-Kindergartens in Ebstorf, seit 50 Jahren gibt es die Einrichtung als solche: Kindergartenleiterin Klaudia Growitz und ihr Team wollen dieses doppelte Jubiläum am 22. September gemeinsam mit Gästen feiern.

Ebstorf. Quietschvergnügtes Lachen hallt aus der Sandkiste über den Hof. Tretroller rappeln übers Steinpflaster, ein paar Schritte weiter lebt jemand lautstark seine Trotzphase aus. Die Geräuschkulisse in einem Kindergarten ist nicht jedermanns Sache.

Zumindest nicht dauerhaft. Klaudia Growitz stört sich kein bisschen an dem Lärm: „Das filtert man irgendwann weg“, lacht sie. Ohne diese Fähigkeit wäre die 59-Jährige wohl auch nicht am rechten Fleck. Denn seit 25 Jahren ist sie Leiterin des DRK-Kindergartens im Ebstorfer Amtskornhaus.

Damit hat Klaudia Growitz die Geschicke ganz genau die Hälfte der Zeit dieser Einrichtung im Klosterflecken bestimmt. Denn seit einem halben Jahrhundert gibt es den Ebstorfer Kindergarten – ein Jubiläum, das am Sonnabend, 22. September, von 11 bis 14 Uhr gefeiert werden soll. Im und am Kindergarten, mit einem Kinder- und Familienfest, Spielen und Tombola, Essen und Trinken – und ganz ohne offizielle Reden.

Als Klaudia Growitz die Kindergartenleitung 1993 übernommen hat, gab es noch eine Drei-Tage-Gruppe für Dreijährige. Gedacht als weicher Einstieg in die Gruppengemeinschaft. „Das war damals der Renner“, erinnert sie sich. Heute wäre dieses Angebot nicht mehr denkbar. Junge Eltern wollen am liebsten die komplette Woche über Ganztagsbetreuung für ihre Sprösslinge. Und seit der zum 1. August in Niedersachsens Kindergärten eingeführten Beitragsfreiheit ist dieses Begehren noch größer geworden.

122 Kinder werden zurzeit im Ebstorfer Kindergarten betreut, dessen Betreiber seit 25 Jahren der DRK-Kreisverband ist. 29 der Mädchen und Jungen gehen in die Waldgruppe – neben dem „richtigen“ Waldkindergarten ein weiteres Angebot, in dem die Kleinen inmitten der Natur spielen und lernen. Seit 2015 gibt es außerdem eine Integrationsgruppe, 2017/18 gab es sogar noch eine zweite. „Der Klosterflecken Ebstorf war sofort bereit dazu, diese Gruppen einzuführen“, sagt Klaudia Growitz anerkennend. Denn sobald Kinder inklusiv betreut werden, müssen sich die Gruppen verkleinern – die Kommune nimmt also weniger Elternbeiträge ein und muss selbst mehr gegenfinanzieren. Eines der aktuell vier Integrationskinder besucht den Waldkindergarten.

Die Kinder sind viel selbstständiger

„Die Eltern haben dafür gekämpft“, weiß die Kindergartenleiterin, das Ergebnis sei „eine tolle Bereicherung für alle“.

Im Laufe der Jahre haben vielfältige Veränderungen die Erzieher immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Kinder und auch Eltern hätten sich verändert. „Die Kinder sind viel selbstständiger und selbstbewusster als früher“, sagt Klaudia Growitz. „Die kennen sich heute schon mit Digitalkameras und Handys aus, wenn sie zu uns kommen.“

In vielen Dingen wüssten die Knirpse schon sehr genau, was sie wollen. Und was nicht. Für das Gruppengefüge im Kindergarten könne das mitunter schwierig sein, sagt die Kindergartenleiterin. Nicht wenigen Eltern habe sie schon klarmachen müssen: Ihr Kind könne im Kindergarten nicht die gleiche Behandlung erfahren wie zu Hause. Schließlich müsse es sich in eine größere Gruppe einfügen. Nicht immer folgt dieser Information die Einsicht auf Elternseite.

„Die Elterngespräche, auch private, machen einen Großteil der Arbeit aus“, berichtet Klaudia Growitz aus dem Kindergartenalltag. Früher habe man gefragt „Was hat er angestellt?“, wenn zum Elterngespräch geladen worden sei. „Heute sind diese Gespräche kein Schreckmoment mehr. Eltern sind sehr viel informierter als früher.“

Geringe Frustrationstoleranz

Während die Mädchen und Jungen heute im kognitiven Bereich sehr viel weiter seien als vielfach vermutet, betont Klaudia Growitz, gebe es andere Defizite. Neben einem oft eingeschränkten Wortschatz verfügen die Kinder vor allem über eine sehr geringe Frustrationstoleranz, sagt sie. „Aber gerade die brauchen sie, um in einer Gemeinschaft zurechtzukommen.“ Regelmäßige Fortbildungen und ein ständiges Sich-selbst-Überprüfen sind vor diesem Hintergrund für die Erzieherinnen ein Muss.

Für Klaudia Growitz gab es nie einen anderen Berufswunsch. Als der Ebstorferin vor 25 Jahren die Leitung des Kindergartens in ihrem Heimatort angeboten wurde, war ihr Glück perfekt. „Das ist Berufung“, lächelt sie. „Jeder Tag ist anders, es gibt keine Fließbandarbeit. Und man sieht sie alle groß werden...“ Den Lärm, den die Kinder dabei machen, den hört sie schon längst nicht mehr.

Von Ines Bräutigam

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