Therapeuten kritisieren neue Richtlinie zur Heilmittel-Verordnung / Ärzte-Vereinigung ist zufrieden

Auf Kosten chronisch Kranker?

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Schickt ein Arzt seinen Patienten zu einem Therapeuten, darf er ein gewisses Budget nicht überschreiten – eine neue Regelung bei den Heilmittelverordnungen sorgt derzeit für Diskussionen.

Ebstorf/Landkreis. Sie gibt Eltern, deren Kind eine Gaumenspalte hat, eine Fütterberatung. Und sie therapiert eine 97-Jährige, deren eine Gesichtshälfte nach einem Zeckenbiss gelähmt ist, so weit, dass die alte Dame wieder sprechen kann.

Schlaganfall-Patienten, die sich nicht mehr artikulieren können, sitzen ebenso vor ihr wie Demenzpatienten, die das Schlucken verlernt haben. „Wir ermöglichen Menschen mehr Lebensqualität“, bringt Conni Utrata das Selbstverständnis ihres Berufsstands auf den Punkt. Seit 20 Jahren arbeitet die Ebstorferin als Logopädin. Doch Therapeuten wie sie haben es in letzter Zeit nicht leicht, sagt sie.

Therapeuten und Ärzte scheinen irritiert

Conni Utrata

Aktuell macht ihnen eine neue Vereinbarung zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) und den gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) das Leben schwer. Mit ihr sollen die Ausgaben für Heilmittel – also Medikamente und Therapieleistungen – gesteuert werden. Und Therapeuten wie Ärzte scheinen gleichermaßen irritiert. So wurde zum Jahresanfang die Verordnung von Heilmitteln nach sogenannten Richtgrößen abgeschafft. Dabei hatte jede Praxis individuelle Obergrenzen von Arzneimittelausgaben pro Patient und Kalenderjahr. Jetzt wird Jeder Arzt bei seinen Verschreibungen mit dem Durchschnittswert seiner Facharztgruppe verglichen. Und: Ärzte dürfen bis zu 50 Prozent über diesem Durchschnittswert liegen, ohne eine Wirtschaftlichkeitsprüfung über sich ergehen lassen zu müssen.

Dr. Jörg Berling, Hausarzt und stellvertretender Vorsitzender der KVN, erklärt die Vorteile des neuen Systems in einem Youtube-Video im Internet unter anderem so: „Ungewöhnliche Entwicklungen, zum Beispiel eine Grippewelle, die ja alle Hausärzte betrifft, werden viel besser dargestellt. Wenn alle Hausärzte mehr Grippe-Medikamente verordnen müssen, steigt eben auch der Durchschnitt aller Ausgaben.“ Die meisten der Praxisbesonderheiten seien „in Zukunft sozusagen mit eingepreist“, so Berling.

Die Verordnungen für besondere Bedarfe bleiben aus

Oliver Christoffers

Was auf den ersten Blick als Vereinfachung erscheint, hat laut Conni Utrata allerdings einen Pferdefuß. „Bislang durften Ärzte außerhalb ihres Heilmittelbudgets Verordnungen für besondere und langfristige Bedarfe erteilen. Zum Beispiel für chronisch Kranke oder solche Patienten, bei denen ein Akutereignis – wie ein Schlaganfall – nicht länger als ein Jahr zurückliegt. Solche Menschen sitzen tagtäglich vor der Logopädin aus Ebstorf. In letzter Zeit allerdings immer seltener. Denn die Verordnungen für besondere und langfristige Bedarfe bleiben allmählich aus, sagt Conni Utrata. Und zwar, weil sie neuerdings nicht mehr unabhängig vom Heilmittelbudget erteilt werden dürfen, sondern diesem „großen Topf“ zugerechnet werden. Conni Utrata und ihre Berufskollegen spüren eine deutliche Verunsicherung bei den Ärzten. Und Oliver Christoffers, Bezirksstellenleiter der KVN in Lüneburg, vermutet, dass dies daran liegen könnte, dass viele Ärzte noch zu sehr die alte Regelung abgespeichert haben. „Dabei ist es jetzt ungleich schwerer als früher, seine Verordnungsgrenzen zu überschreiten“, sagt er. „Für uns ist das was Tolles, denn mit dem Messen an den Durchschnittswerten entspannt sich diese Sorge der Budgetüberschreitung deutlich.“ Er sei sicher, dass sich das mit der Zeit bei den Ärzten herumspreche und sich einspiele. Die Ärzte würden regelmäßig mit entsprechenden Schulungen und Rundschreiben informiert und aufgeklärt.

Conni Utrata und ihre Kollegen können das nur hoffen. Denn die Therapeuten stünden letztlich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Ärzten, sagt die Ebstorferin. „Und die Wertschätzung für unsere Arbeit lässt oft zu wünschen übrig, auch in der Öffentlichkeit“, meint Conni Utrata. Am liebsten wäre es den Logopäden, sagt sie, wenn Patienten ein Direktzugang zu ihnen ermöglicht würde. Ganz ohne Verordnungen. „Wir möchten ja nicht den Ärzten ihre Kompetenz absprechen“, betont Utrata, „aber sie sollen uns eben auch nicht unsere Kompetenz absprechen.“

Von Ines Bräutigam

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