Ohrmarken und Funkhalsbänder für Wildschweine: Wildbiologe untersucht Population im Süsing

Jäger schießen noch nicht genug

Jäger des Hochwildrings Süsing wiegen ein gefangenes Wildschwein. Im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts erhält es eine Ohrmarke. Foto: Tierärztliche Hochschule
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Jäger des Hochwildrings Süsing wiegen ein gefangenes Wildschwein. Im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts erhält es eine Ohrmarke.
  • Gerhard Sternitzke
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Süsing. Funkstille. Die letzte SMS ist schon lange verhallt. Seit die Batterie der GPS-Sender aufgegeben hat, streifen die vier Bachen mit ihren Senderhalsbändern wieder unerkannt durch den Süsing.

Nach den zuvor übermittelten Daten bewegen sich die Sauen in einem Raum von sechs Quadratkilometern, einige legen aber auch deutlich größere Strecken zurück. Das hat der Wildbiologe Dr. Oliver Keuling von der Tierärztlichen Hochschule Hannover in einem in den Jahren 2012 bis 2015 durchgeführten Projekt mit dem Hochwildring Süsing herausgefunden. Sein Bericht liegt zwar schon seit dem vorigen Jahr vor, die Auswertung läuft aber weiter.

Dabei hatte der Wissenschaftler längst nicht nur mit der Batterielaufzeit oder den Funklöchern der Region zu kämpfen. Zehn Fallen stellten Mitarbeiter der Förstereien Oechtringen und Wettenbostel gemeinsam mit Jägern auf, doch die Schweine, in der Jägersprache „Sauen“ genannt, waren einfach zu schlau und hatten anderswo genug zu fressen. Folge: Die geplanten Zahlen wurden nicht erreicht. 95 Wildschweine aus 17 Rotten gingen den ausgestreuten Maiskörnern auf den Leim, eigentlich sollten aber 400 gefangen werden. Die Ergebnisse der Studie „Schwarzwildbewirtschaftung im Hochwildring Süsing“ seien deshalb nicht in allen Punkten repräsentativ, räumt Keuling ein.

„Wir haben nicht genug gefangen. Anfangs gingen die großen Tiere nicht rein, dann hingen die Stolperdrähte zu hoch, sodass sie bei den Kleinen nicht auslösten“, berichtet der Wildbiologe. Jäger aus dem Hochwildring Süsing kontrollierten die Fallen morgens. Frischlinge und Jährlinge wurden mit Ohrmarken in verschiedenen Jahres-Farben ausgestattet, die fünf gefangenen Bachen wurden betäubt und erhielten ein Funkhalsband wie Wolf Kurti. Eine verlor Sender und Halsband bereits nach zwei Monaten.

Neben dem Verhalten der Wildschweine ging es auch um die Begrenzung des Bestands, denn die Schwarzkittel richten Jahr für Jahr große Schäden auf Feldern und Wiesen an, und sie können Tierseuchen wie die afrikanische Schweinepest auch in Tierställe einschleppen. Der Erfolg der Jäger bemisst sich an den erbeuteten Ohrmarken: 61 von 95 gekennzeichneten früheren Frischlingen haben Förster und Jäger im Süsing bis Frühjahr 2017 geschossen. Zu wenig, betont Dr. Keuling. „Wenn die Frischlinge überleben, sind im nächsten Jahr noch mehr Sauen da“, betont der 45-jährige Wissenschaftler. Denn schon mit einem halben Jahr werden die Frischlinge geschlechtsreif. „Die Jäger machen das in ihrer Freizeit“, weiß Keuling. „Sie kommen nicht hinterher.“

Sein Vorschlag: auch die eine oder andere Bache erlegen. Wenn sie keine Frischlinge wirft, können die sich ihrerseits nicht vermehren. Davon aber muss er die Jäger erst noch überzeugen, denn die Bachen gelten als wichtig im Sozialgefüge der Rotten. „Die Leitbache ist ein wichtiges Tier, aber sie ist zu einer heiligen Kuh geworden“, meint der Wissenschaftler.

Auch junge Frischlinge sollten geschossen werden. Bislang hielten jedoch moralische und Marketinggründe die Jäger ab. Anhand der Zähne lässt sich auch das Alter der Tiere ermitteln.

Mit Wildkameras kann Keuling auch den Bestand abschätzen. Von fünf Wildschweinen pro Quadratkilometer geht der Wissenschaftler aus, ein durchschnittlicher Wert. Die im Süsing gesammelten Daten sollen übrigens nicht verstauben. Eine Doktorandin wertet sie zusammen mit anderen europäischen Ergebnissen aus.

Von Gerhard Sternitzke

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