Flaschenkinder

Ebstorf: Tanja Askani berichtet über ihr Leben mit den Wölfen im Wildpark

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Tanja Askani mit den von ihr aufgezogenen Grauwölfen im Wildpark Lüneburger Heide. Durch die Aufzucht mit der Flasche wird eine Vertrauensbasis für ein ganzes Leben aufgebaut. 

Ebstorf – Wolfsgeheul ist am Donnerstagabend auf dem Ebstorfer Domänenplatz zu vernehmen. Es sind natürlich keine echten Wölfe – der Club für tschechoslowakische Wolfshunde hält sein Camp dieser Tage im Klosterflecken ab.

Um echte Wölfe geht es derweil beim Vortrag im DRK-Haus. Tanja Askani, die im Wildpark Lüneburger Heide mehrere Wolfsrudel großgezogen hat, berichtet von ihren Erfahrungen.

Der Wolf ist kein Kuscheltier, aber mit der bekannten Tierpflegerin kuschelt er doch gern. Mit vielen eindrucksvollen Bildern unterlegt schildert die 57-Jährige, wie sie Wolfswelpen im eigenen Haushalt mit der Flasche aufzieht. Dabei wachsen sie wie selbstverständlich mit den anderen Bewohnern auf. So wird eine Hündin zur Ersatzmutter, ein Lamm zum Schwesterchen, das sich bei Raufereien auch mal durch Boxen zur Wehr setzt.

Die bunt gemischte Kinderstube hat ihren Sinn. „Die Wölfe sollen keine Angst haben, wenn andere Tiere Kontakt aufnehmen“, erklärt Tanja Askani. Und die Welpen werden auf den Menschen geprägt. „Das heißt nicht, dass sie ein Leben lang zahm sind, aber es wird eine Vertrauensbasis aufgebaut“, betont die Tierpflegerin, die in der früheren Tschechoslowakei aufwuchs. Das bietet große Vorteile, wenn der Tierarzt in den Tierpark in Niendorf im Landkreis Harburg kommt, um Medikamente oder Spritzen zu verabreichen, oder wenn die Tiere transportiert werden sollen. Häufig springen sie sogar freiwillig in die Transportbox. Und ganz wichtig: Sie haben keine Angst vor den Besuchern vor dem Zaun. So sieht die Tierpflegerin ihre Tiere auch als Botschafter für wildlebende Wölfe.

Wie so oft war ein Zufall Anlass für die Wolfszucht. Tatjana Askani, die 1990 nach Deutschland gekommen war, nahm damals öfter Fundtiere auf. So erklärte sie sich auch 1992 bereit, für kurze Zeit einen Wolfswelpen zu betreuen. Das Tier wurde nicht abgeholt. Flocke, so hieß die Polarwölfin, wurde zum Grundstock der Wolfszucht. Die Tierpflegerin, die als Falknerin arbeitete, ging mit ihr außerhalb des Tierparkgeländes spazieren. Jeder hielt das weiße Tier für einen Hund.

Später kamen die Grauwölfe hinzu. Tatjana Askani hat deutliche Charakterunterschiede festgestellt: „Die Polarwölfe sind viel ruhiger und planvoller.“ Bei der Erziehung zeigt sie vollen Körpereinsatz. Sie balgt und schwimmt mit den Tieren, und wenn einer der Welpen seine Zähne zu ruppig einsetzt, dann beißt Tatjana Askani schon einmal in die empfindliche Schnauze. „Pfui, Platz, Aus gibt es bei Wölfen nicht“, stellt sie klar. Nächstes Mal hält sich der Rabauke zurück.

VON GERHARD STERNITZKE

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