„Es gibt nur noch Freund oder Feind“

Ebstorf: Bürgermeister Heiko Senking berichtet von Bedrohungen

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„Es gibt keinen Monat, in dem ich keine Morddrohungen bekomme“, berichtet der Ebstorfer Bürgermeister.

Ebstorf – Drohanrufe, Beleidigungen im Internet, anonyme Briefe: Nicht nur Mandatsträger in der großen Politik, auch Kommunalpolitiker sehen sich neuerdings als Zielscheibe von Hass.

Die Amtsniederlegung des Estorfer Bürgermeisters Arnd Focke (AZ berichtete) – er hatte unter anderem mehrfach Hakenkreuz-Schmierereien auf seinem Auto – und die Forderung eines Bürgermeisters in Nordrhein-Westfalen, eine Waffe tragen zu dürfen, haben die Dimensionen der Hasskriminalität deutlich gemacht. Wie sich das anfühlt, davon kann auch der Ebstorfer Bürgermeister Heiko Senking ein Lied singen.

„Es gibt keinen Monat, in dem ich keine Morddrohungen bekomme“, berichtet der Kommunalpolitiker der Unabhängigen Wählergemeinschaft, der auch als Fraktionsvorsitzender der UWG/FBE/BfB-Gruppe im Samtgemeinderat aktiv ist. Mit zwei Aktionen hat der 54-Jährige die Wut der häufig anonymen Täter auf sich gezogen.

2017 hängt Heiko Senking ein AfD-Plakat vor der TuS-Geschäftsstelle in Ebstorf ab.

2017 hatte er als Vorsitzender des TuS Ebstorf ein AfD-Plakat abgehängt, das genau vor der Geschäftsstelle des Sportvereins hing – und seine Aktion bei Facebook öffentlich gemacht. Im vorigen Jahr setzte er sich dafür ein, dass das Haus Westerholz in der Nähe des Klosterfleckens nicht an eine Person aus dem rechtsextremen Milieu verkauft wird.

„Man kann sagen, ich war selber schuld“, sagte Senking jüngst im Ebstorfer Fleckenrat. „Nach dem abgehängten Plakat sind mir die Reifen abgelassen worden.“ Auch seine Adresse wurde bei Facebook veröffentlicht. Als Senking seine Besorgnis um das Haus Westerholz öffentlich gemacht hatte, drohte ein Schreiber, morgen komme das Auto nach Auschwitz. Die Täter sind häufig anonym. Anzeigen verlaufen im Sand.

„Es wird immer schlimmer. Auch in der Kommunalpolitik ist ein rauer Ton eingezogen“, klagt Senking, wobei er nicht die Debatten im Rat meint, sondern die Kommunikation zwischen Bürgern und Politik. „Es gibt nur noch Freund oder Feind.“ Und er erzählt von Bürgern, die sich über einen Müllhaufen beschweren und nach drei Tagen drohen, die Grundsteuer einzubehalten, wenn das Ärgernis nicht sofort beseitigt wird.

Vor allem nach dem Abhängen des Plakats, für das der Mitarbeiter der Lüneburger Staatsanwaltschaft übrigens ein Bußgeld wegen Sachbeschädigung zahlen musste, häuften sich die Bedrohungen. „Du bist schon tot“, hieß es unter anderem. „Noch heute verspüren meine Frau und ich eine gewisse Unruhe, wenn vor der Tür ein Auto mit laufendem Motor länger steht, oder es bremst und dann stark beschleunigt“, erzählt Senking.

„Es ist eine schwierige Zeit. Man kann sich ducken, aber es wir immer Situationen geben, wo man Stellung beziehen muss“, sagte Senking im Fleckenrat und betonte: „Ich bin nicht bereit, das hinzunehmen.“ Der UWG-Politiker hat eine unkonventionelle Methode im Umgang mit Hassmails und -posts. „Nach dem AfD-Plakat habe ich die angerufen. Bei 100 Prozent der Gespräche haben wir uns wenigstens vernünftig verabschiedet.“

VON GERHARD STERNITZKE

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