Zukunftsangst und Hoffnungen

Bewohnerinnen äußern sich zur Entwicklung des Klosters Ebstorf

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Blick auf gotische Formen am Kloster Ebstorf. Die letzte dort lebende Konventualin Gunda Suhr sieht nun neue Chancen.

Ebstorf – Tag eins nach dem Erdbeben im Kloster Ebstorf. Die Äbtissin ist abgesetzt (AZ berichtete). Sie muss das Kloster kurz über lang verlassen. Die kommissarische Leitung übernimmt die Medinger Äbtissin Dr. Kristin Püttmann.

Wie geht es nun weiter mit der traditionsreichen Einrichtung in den 800-jährigen gotischen Mauern? Wie kann sich, wo nur noch eine Konventualin und drei Gast-Damen leben, wieder eine lebendige christliche Gemeinschaft entwickeln? Die Reaktionen sind ganz unterschiedlich.

„Ich bin glücklich darüber“, sagt die einzige in Ebstorf verbliebene Konventualin Gunda Suhr auf AZ-Nachfrage. „Ich hoffe, dass die Äbtissin, die wir 2015 gewählt haben, sofort kommt.“ Damals hatte die nun abgesetzte Vorsteherin des Klosters Erika Krüger bereits eine Nachfolgerin gesucht, dann aber einen Rückzieher vom Rückzug gemacht. Sie habe unter dem schwelenden Dauerkonflikt gelitten, erzählt die 78-jährige Konventualin. Die Damen lebten im Ebstorfer Kloster wie in einem Mehrfamilienhaus, hat sie der AZ berichtet. Das Gemeinschaftsgefühl sei verlorengegangen. Die Äbtissin respektiere die Mitbestimmungsrechte der Damen nicht.

Ganz anders erlebt Bärbel Schirmer die aktuelle Entwicklung. „Dieser Schachzug kam auch für uns überraschend“, sagt die 63-jährige, die in einem der Gästezimmer lebt. „Klar, dass Männer ihre Machtposition ausspielen wollen“, spielt sie auf die Klosterkammer an, die die Ablösung der Äbtissin betrieben hat. „Was schlimm ist, dass das mit dem Geld passiert, das Frauen im Mittelalter als Aussteuer mitgebracht haben.“

Die neue Situation ist für sie vor allem mit Zukunftsangst verbunden. Seit drei Jahren lebt sie im Kloster zur Probe und als Gast, der Konvent hat sie abgelehnt. Dennoch übernimmt sie viele Führungen durch das altehrwürdige Gemäuer. „Es ist ein leicht beunruhigendes Gefühl. Als wenn man über ein Seil gehen würde“, beschreibt es Bärbel Schirmer ihre Situation. Ihr Status, als Gast der abgesetzten Äbtissin, sei nun unsicher. Sie wisse nicht, ob sie ausziehen müsse.

Dr. Stephan Lüttich, Leiter Klöster und Stifte der Klosterkammer Hannover, ist derjenige, der der Äbtissin nach dem Erlass aus dem Ministerium für Wissenschaft und Kultur die Schlüssel für ihr Büro abgenommen hat. Für die Zukunft des durch den langjährigen Konflikt geschwächten Klosters ist er optimistisch. „Mein Wunsch - und davon bin ich überzeugt - ist, dass das Kloster sich gut entwickeln wird“, erklärt Lüttich. „Ich bin sicher, dass das Kloster mit seiner jahrhundertelangen Geschichte das Potenzial hat, dass sich Frauen finden werden, die dort leben und Besucher führen möchten.“

Gunda Suhr, die auch die kommissarische Äbtissin Püttmann schätzt, blickt jetzt positiv in die Zukunft. Der zusammengeschrumpfte Konvent könne schnell wieder wachsen. „Wir haben zwei Damen in petto. Wenn die erstmal kommen, füllt sich der Konvent wieder.“ Die Gäste der nun abgesetzten Äbtissin müssten hingegen gehen. „Sie passen nicht ins Kloster.“

Für das Kloster als Ziel für Besucher sieht die Konventualin ganz neue Möglichkeiten. „Ich hoffe, dass die Kunstschätze wieder gezeigt werden. Wir haben Antependien aus dem 14. Jahrhundert, Silbergeschirr und Skulpturen aus dem 13. Jahrhundert“, gibt Gunda Suhr zu bedenken. Dieser Schatz sei es wert, in einem eigenen Museum gezeigt zu werden. Der richtige Platz hierfür sei die alte Refektur am Kreuzgang.

„Das Kloster steht seit 800 Jahren“, sagt Konventualin Gunda Suhr. „Ebstorf geht nicht unter.“

VON GERHARD STERNITZKE

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