Ina Welzel, Pastorin im Ruhestand, beleuchtet in Ebstorf das Pro und Kontra von Organspenden

Organspenden: Aufklärung statt Werbung

Etwa ein Drittel der Menschen in Deutschland trägt einen Organspendeausweis bei sich – die große Mehrheit nutzt ihn, um einer Spende zuzustimmen; nur sehr wenige haben ihn, um einer Organspende zu widersprechen. Foto: dpa
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Etwa ein Drittel der Menschen in Deutschland trägt einen Organspendeausweis bei sich – die große Mehrheit nutzt ihn, um einer Spende zuzustimmen; nur sehr wenige haben ihn, um einer Organspende zu widersprechen.

Ebstorf. Als Pastorin war Ina Welzel viele Jahre Gemeindepfarrerin und wurde dann Klinikseelsorgerin in Bad Fallingbostel.

Eine Klinik, die im Bereich Transplantationsmedizin eng mit der Medizinischen Hochschule Hannover zusammenarbeitet und einen Schwerpunkt auf Herz- und Lungentransplantationen legt.

Organspende ist ein sensibles Thema, befand Ina Wenzel und ging differenziert auf die verschiedenen Themen dabei ein.

Wenzel erklärte jetzt bei ihrem Vortrag zur Organspende in Ebstorf: „Die Patienten dort haben einen hohen Dringlichkeitsstatus und müssen wegen der Schwere ihrer Erkrankung bis zur Übertragung im Akutkrankenhaus bleiben.“ Diese Patienten seien oft weit von ihrer Heimat entfernt und müssten manchmal bis zu zwei Jahre in der Klinik verbringen. „Die seelsorgerische Betreuung dieser Patienten war meine Aufgabe“, berichtete Welzel, „und veranlasste mich zu diesen Vorträgen, die ich völlig neutral halte.“ Zu diesem sensiblen Thema müsse sich jeder seine Meinung bilden, daher habe sie auch keine Organspendeausweise dabei. Aufklärung, nicht Werbung sei ihr Ziel. Mit der einer rein medizinischen Betrachtung des Körpers, der Einzigartigkeit des menschlichen Leibes, der nicht sichtbaren Seele und Geist, der geschenkt sei, um neugierig zu sein und zu forschen, müssten Angehörige von Spendern sich auseinandersetzen, erklärte Welzel.

Besonders brisant: Die Zeit zwischen dem Hirntod und dem körperlichen Tod nach Abschluss der Organentnahme durch Abschaltung der Maschinen. Der Zeitraum, in dem Angehörige schwer zu kämpfen haben und Betreuung bedürfen. Problematisch: Für die Trauerbewältigung bleibe im Fall einer Organspende kaum Zeit. Darum, so Welzel, sollte ein Spendewilliger seine Angehörigen über seine Entscheidung informieren und so auch vorbereiten.

Aber auch bei den Organempfängern träten trotz Freude über das geschenkte Leben Gedanken an die Trauer der Familie des Spenders auf. Ein Tabubruch tue sich auf, weil auf den Tod eines Menschen gewartet werde. Grenzen verschöben sich, weil der Empfänger etwas von einem Toten in sich trage. Plötzliche Vorlieben ließen Gedanken an den Spender aufkommen: Mochte mein Spender das besonders gern?

Zum Schluss ein Stimmungsbild. Welzel hinterließ nachdenkliche Zuhörer, als sie sagte: „Organspenden müssen anonym bleiben und dürfen nicht bezahlt werden, weil es für die Angehörigen sonst nicht mehr aushaltbar ist. Wenn ein Mensch einen Preis hat, verliert er seine Würde. Das wusste schon Kant.“ „Ich dachte, ich schmeiß’ meinen Spenderausweis weg, weil die Kirche dagegen ist. Jetzt muss ich mich neu orientieren“, merkte ein Besucher an. „Ich lebe seit vielen Jahren gut mit einer Spenderleber,“ berichtete eine Zuhörerin, „und sehe die Gabe wie eine Adoption. Der Spender konnte sie nicht behalten, daher hab ich sie jetzt – und behandle sie sorgsam.“

Von Monika Buhr

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