Zufall oder Provokation? Aktion vor Ebstorfer TuS-Geschäftsstelle sorgt für Eklat

AfD-Wahlplakat abgehängt: Das "bewusste Verletzten von Demokratie"

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Das Streitobjekt liegt unversehrt in Heiko Senkings Kofferraum – die AfD prüft derzeit, ob sie Ebstorfs Bürgermeister mit rechtlichen Mitteln dazu auffordern soll, das Plakat wieder an seinen ursprünglichen Platz zu hängen.
  • VonInes Bräutigam
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ib Ebstorf. Am Abend hatte er noch eifrig versucht, auf alle Kommentare zu reagieren und Fragen zu beantworten. „Aber nach zehn Minuten habe ich das aufgegeben“, sagt Heiko Senking.

Mit dem Abnehmen eines Plakats der AfD, das vor der Geschäftsstelle des TuS Ebstorf hing, hat der Vorsitzende des Sportvereins und Bürgermeister Ebstorfs eine Lawine losgetreten. „Ich hätte nie gedacht, dass ein Plakat einen solchen Hype auslöst“, räumt er heute Vormittag gegenüber der AZ ein.

Das AfD-Plakat hatte Senking als Provokation empfunden, sagt er. „Der TuS Ebstorf besteht wie alle Sportvereine Deutschlands zu einem großen Teil aus Menschen mit Migrationshintergrund, verschiedener Religionen, sind schwul oder lesbisch und was auch sonst immer“, schreibt der Ebstorfer in einem offenen Brief an die AfD, den er im Internet veröffentlichte. In den Mannschaften und Abteilungen des TuS seien die von der AfD genannten politischen Themen nie ein Thema, da alle aufeinander angewiesen seien, so Senking.

Maik Hieke will das auch gar nicht in Abrede stellen. Und den Vorwurf, man habe das Plakat absichtlich vor der Geschäftsstelle des TuS Ebstorf aufgehängt, weist der AfD-Kreisverbandsvorsitzende zurück. „Wir hängen die Plakate überall auf, wo freie Laternenmasten sind“, sagt er, „und die Motive sind vom Bundesverband vorgegeben. Das ist doch nicht gegen den Verein gerichtet.“ Welches Motiv wo platziert werde, obliege allein denjenigen, die die Plakate aufhingen, so Hieke. „Da gibt es keine Vorgaben.“

Die Aktion von Heiko Senking sieht Hieke, von Beruf Jurist, problematisch. „Was wäre, wenn Paul Hampel durch Ebstorf ginge und Plakate von Herrn Otte oder Frau Lühmann abhängen würde?“, stellt Hieke in den Raum und moniert: „Ich kann doch nicht einfach Selbstjustiz üben.“

Strafrechtlich könnte man von einer Sachbeschädigung oder Unterschlagung reden, meint er. „Oder wir sagen: Da stehen wir drüber.“ Zivilrechtlich könnte man aber auch eine Unterlassungserklärung von Senking verlangen und fordern, das Plakat dort wieder aufzuhängen, wo es war. „Nur dann ist der Eklat wieder da“, glaubt Hieke. Andererseits müsse man im konkreten Fall auch öffentliches Interesse annehmen, lautet seine Einschätzung, weswegen die Angelegenheit trotz Senkings Selbstanzeige nicht auf sich beruhen könne. „Wir werden das jetzt prüfen und zeitnah reagieren.“

Heiko Senking hatte unterdessen betont, das Plakat sei unversehrt, und die AfD könne ihm mitteilen, wo es aufgehängt werden solle. Ob Maik Hieke das Plakat nun zurückhaben wolle? Er überlegt kurz. Und sagt schließlich: „Dann wird es eher dahin gehend sein, dass Herr Senking es wieder an seinen Platz zurückhängen soll.“

Kommentar: Ein Bärendienst

Heiko Senking hat es über Nacht zum Star gebracht. Zum Quoten-Star in den sozialen Netzwerken des Internets. Doch der Ruhm ist zweifelhaft, denn die Angelegenheit ist facettenreicher als sie auf den ersten Blick scheint. Denn das Abhängen eines Wahlplakats und damit das wissentliche Begehen einer Straftat ist das Eine. Dass dies ein Bürgermeister und Staatsdiener tut, ist das Andere. Aber das Begehen dieser Straftat selbst im Internet publik zu machen, steht auf einem nochmal anderen Blatt. Dass ihm Respekt und Applaus sicher sein würden, damit konnte Senking rechnen. Dass die Internet-Gemeinde mit einer derartigen Wucht ihren eigenen Regeln folgen und das kleine Ebstorf in die Schlagzeilen katapultieren würde, damit vielleicht nicht so sehr. Doch was viel schwerer wiegt: Am Ende hat der TuS-Vorsitzende und Bürgermeister sich selbst einen Bärendienst erwiesen. Denn er hat sich – wenn auch ungewollt – eines Populismus bedient, der genau denjenigen vorgeworfen wird, die er kritisiert. Das bewusste Verletzten von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ist zudem eine Steilvorlage für die AfD. In der Opferrolle und das Recht auf ihrer Seite, hat sie jetzt die Möglichkeit, alle Spielarten auszukosten. (ib)

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