Dezembernähe

Übermorgen ist 1. Dezember. Ein neuer Monat und was für einer! Ich denke beim Beginn an Advent und so. Sabine hingegen denkt an den 1. 12. , weil sie an einem solchen vor 20 Jahren heiratete – und vom Familiengericht ausgerechnet den 1. 12.

genannt bekam, um sich endgültig scheiden zu lassen. Hingegen denkt der Sohn von Alexanders Kollegin an diesem 1. 12. an seine Oma. Die wird dann beerdigt. Er erzählt: Die Oma ist zwar nicht punktgenau gestorben, aber wird so beerdigt. Denn ihr lebenslanger Wunsch war: In einem Weihnachtsmonat zu sterben, weil doch ein Anfang immer zusammengehört mit seinem Ende. Und umgekehrt. Sie war fromm, vor 79 Jahren in einem Weihnachtsmonat geboren, in dem die Kirchenjahre ja auch sterben, um neuen Platz zu machen. Wieder andere denken beim Neuanfang am übermorgigen 1. 12. an das aktuelle Adventsgeschehen: Zum Beispiel erzählt mir Alexander, dass die Lieben seiner Familie, seit er denken kann, den Schuh nicht erst am 6. Dezember rausstellen, wo der Monat ja schon alt ist, sondern an jedem Samstag vor einem Advent. Also vor drei Tagen schon den Schuh rausgestellt? Ja. Und das vier Mal, wenn der 4. Advent nicht ausgerechnet auf Weihnachten fällt? Ja. Und jedes Mal ist was drin? Ja. Diesmal allerdings nur Süßes und ein Zettel mit den Wünschen für Heiligabend.

Auf dem Zettel steht mit einer Gabe für Alexander dann auch die Wunschliste seiner Frau für Heiligabend. Diesmal las Alexander bestürzt: „Halbe Wünsche für Weihnachten!“ und: „Bitte lass uns höchstens die Hälfte schenken von dem, was wir uns sonst schenkten!“ Nicht darüber enttäuschte sich Alexander, dass er selbst nun nur die Hälfte der Geschenke bzw. ihre Wertes erhalten würde wie sonst. Er kennt die Misere der öffentlichen Weihnachtsgelder, kennt die weihnachtsgeldunabhängige Genügsamkeit seiner Frau (auch öffentlich Bedienstete) – nein, das enttäuschte ihn nicht. Ihn enttäuschte, dass er sich eingrenzen sollte mit dem, was er so leidenschaftlich gern tut: Schenken. Wie die Oma von seinem Kollegen hortet er seit Frühherbst Geschenke und freut sich auf die Freude der anderen unter dem Baum.

Alexander fand eine Lösung: Er weiß, dass seiner Liebsten am liebsten gegenwärtig das Thema Kinderkriegen ist. Nicht mehr das eigene. Aber Alexanders Frau wird bald Großmutter und denkt um das erste Enkelkind herum wie fast um das erste eigene. Und für das Enkelkind hortet jetzt Alexander Geschenke. Hölzerne, wollene, bunte, klingende – das wird die werdende Großmutter erfreuen. Auch wenn er dabei den Wert bisheriger Geschenkmengen wieder übersteigt. Es ist für (auch sein) Enkelkind. Und die Großmutter eine Freude.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist erreichbar unter Prof.Dr. Decker-Voigt@t-online.de. Den Text fnden Sie auch unter az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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