Smartphones und Seelenfänger beim mittelalterlichen Treiben in Bienenbüttel

Zwischen den Welten

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Ein Uhu in Flugbereitschaft: Auch tierische Teilnehmer hatten ihren Part beim mittelalterlichen Treiben in Bienenbüttel. 

Bienenbüttel. Faulige Zähne, ein dunkel verhüllter Körper, schwarze Löcher, wo Augen aus dem Schädel hätten blitzen sollen: Das Böse ist nicht schön anzusehen, wie es behäbig über die regenfeuchte Wiese im Herzen Bienenbüttels durch zwei verschiedene Welten stapft.

Da ist jene im Hier und Jetzt, in der der knöchrige Seelenfänger mit dem Smartphone fotografiert und bei Facebook gepostet wird. Und eine historische Welt, in der man ihn für seine Macht über Leben und Tod fürchtet – ja, selbst inmitten des munteren Treibens auf dem Mittelaltermarkt am vergangenen Wochenende.

„Wegelagerer“ Jens Pfeiler ist im echten Leben Lkw-Fahrer. Den Bären hat er auf dem Dachboden gefunden.

Es sind die Tage, an denen sich die historische Genauigkeit der Gewandeten mit der Bequemlichkeit des 21. Jahrhunderts versöhnt – oder eben nicht. Auch ohne die nicht ganz so ernst zu nehmenden 2,50 Euro Ablass für Faulenzerei zu zahlen, hat Familie Grywatz aus der Nähe von Kiel in Bienenbüttel ihren Ort der Ruhe gefunden. „Dieses Wochenende ist wie 14 Tage Urlaub“, bescheinigt Gabriele Grywatz dem Lagerleben eine entschleunigende Wirkung. Einzig Malstifte und Babypflegetücher zeugen von modernem Luxus unter dem Dach aus Leinenstoff.

Sintram der Barde, der eigentlich Gregor Seidelmeier heißt, sorgt für musikalische Untermalung mit amüsanten Liedzeilen.

Keine Dusche, kein Handy, keine Uhr: „Es ist wie nach Hause kommen“, sinniert im Sattel ihres stolzen Wallachs Anke Grigoleit. „Ich glaube, ich habe in dieser Zeit schon mal gelebt.“ Sandokan, das Pferd, auf dem sie sitzt, sei quasi die ideale Verbindung zwischen ihrem Alltag und dem Faible fürs mittelalterliche Treiben. „Friesen waren ja damals gern genommene Schlachtrösser“, weiß die Dortmunderin. Glück für Sandokan: Seine Besitzerin gibt sich mit einem Spazierritt zufrieden. Vorbei geht’s dabei am Lager „Silva Donum“, zu dem auch die zwölfjährige Alicia Hübert gehört. Der Teenager macht keinen Hehl daraus: „Ein Strandurlaub wäre cooler.“ Es mangele im Lager an Gleichaltrigen, findet das Mädchen im türkisgrünen Kleid.

Die Ilmenauwiese in Bienenbüttel verwandelte sich in ein mittelalterliches Lager.

Ja, das Leben hier ist nicht immer bloß Zuckerschlecken, sagt Ronald Ratzburg, besser bekannt als der gewitzte Bruder Frederik. „Der Mensch bringt ja auch all seine Probleme immer mit.“ In der winzigen Wagen-Kapelle des Theologen finden sie Raum. Nebenbei verkauft er Ablassbriefe – auch mit EC-Karte bezahlbar – und Klangschalen. „Die Mönche früher mussten ja auch von irgendetwas leben.“

In Bienenbüttel trafen am Wochenende Welten zusammen: Gut und Böse, Mittelalter und reales Leben, historische Korrektheit und kreative Improvisation.

Von Anna Petersen

Impressionen vom Mittelaltermarkt in Bienenbüttel

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