Old Zipfel-Pony zieht vom Leder

Comedian Ingo Appelt holt auf Gut Bardenhagen zum Rundumschlag aus

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Der Comedian ist für seinen schwarzen Humor bekannt.

Bardenhagen – #MeToo-Debatte hin, wiederholt beteuerte Bußbereitschaft über vergangene „Drecksauereien“ her – der Mann kann und will letztendlich nicht aus seiner Haut.

Nach exakt 34 Minuten stößt Ingo Appelt am Sonnabend bei seinem nahezu ausverkauften Auftritt am so betitelten „Arsch der Welt“ erstmals in jene verbalen Abgründe des Geschmacks vor, für die ihn seine Kritiker hassen, seine Fans aber lieben: „So wie die aussieht, kann man Angela Merkel ja viel vorwerfen, aber hochgebumst hat die sich nicht.

Wer hätte das auch machen sollen?“ Die Presse solle das aber nicht schreiben, bittet er, aber genau das will er: tabuloses Provozieren, Schockieren, Bloßstellen von Eitelkeiten und Peinlichkeiten bis dem Publikum der Atem stockt. Das ist sein erklärtes Ziel und – neben seinen brillanten Stimm-Imitationen - vielleicht auch sein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Comedybetrieb. .

Männer und Promis bekommen bei Appelt ihr Fett weg.

Und wenn der gelernte Maschinenschlosser aus Essen immer wieder an diesem Abend ebenso hemmungslos wie ausschweifend über Auscheidungs-, Sexual- und Masturbationspraktiken geradezu rauschhaft schwadroniert und zum Finale gar noch ein „Liebeslied an seinen Schwanz“ anstimmt, dann lachen sogar, nein, vor allem die Frauen, während die Männer etwas pikiert schweigen, als hätte man gerade ihr „bestes Stück“ entweiht: „Du bist nicht schön doch zart und weich, dass du bei mir bist, macht mich reich, Du bist nicht klug, nein eher dumm, Du bist so dick und etwas krumm, Du hast Falten wohin man schaut, bist übersät mit Orangenhaut, doch ich liebe dich, ja ich liebe dich…“

Dabei verfolgt der selbst ernannte „Konkursverwalter der Männlichkeit“ durchaus eine Mission: Den „Abgesang des Patriarchats“ spürend, möchte er mit seinem frisch aktualisierten Programm „Besser… ist besser!“ die „Jungs“ zu „Dienstleistern“ umschulen, denn „wir werden sonst aussortiert.“ Männer von heute sollen – und da folgen ihm die Zuschauerinnen auch an diesem Abend Wort für Wort, stark aber gebrochen sein, Machos und Weicheier zugleich, eben „Matsch-Eier“ sein, um zu überleben. Und das bitte mit Humor, denn den lieben die Frauen ja so sehr: „Wir müssen einfach lernen, gut gelaunt in die Zweite Liga abzusteigen.“

Mit seinem fast dreistündigen Auftritt in Bardenhagen hat Ingo Appelt übrigens auch ein jahrzehntelanges Heide-Trauma überwunden: „Uelzen 1993 war der Horror – alle saßen da mit verschränkten Armen und keiner hat gelacht.“

VON MARCUS KIEPPE

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