Wichmannsburgerin Svenja Marie Fürste: „Die Gesellschaft ist offener als noch vor 30 Jahren“

Der Wunsch, als Frau zu leben

„Die Gesellschaft ist offener als noch vor 30 Jahren“, sagt die Wichmannsburgerin Svenja Marie Fürste. 
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„Die Gesellschaft ist offener als noch vor 30 Jahren“, sagt die Wichmannsburgerin Svenja Marie Fürste.

Wichmannsburg – Mit 14 Jahren hat Svenja Marie Fürste das erste Mal gefühlt, dass sie eigentlich ein Mädchen und kein Junge ist. Damals in Lüchow Ende der 1980er Jahre, als sie mit ihrer damaligen Freundin beim Spielen immer wieder die Kleider getauscht hat. „Da habe ich mich wohlgefühlt“, erinnert sie sich.

Wie ist es zu wissen, dass man im falschen Körper geboren wurde? Was ist es für ein Gefühl, eigentlich jemand anderes zu sein, als man vorgibt? All diese Erfahrungen hat auch Svenja Marie Fürste gemacht.

Vor zwei Jahren fällt sie den Entschluss, fortan als Frau zu leben. „Meine Frau hat mich darauf angesprochen, weil ein Bedürfnis da war. Und der Wunsch, als Frau zu leben, immer stärker wurde“, erinnert sie sich. Die Ehepartner gehen freundschaftlich auseinander. Aus Thomas wird Svenja Marie Fürste. Sie hält regelmäßig Kontakt zu Ehefrau und den drei gemeinsamen Kindern.

„Mit der großen 18-jährigen Tochter, da ist es etwas schwieriger. Sie akzeptiert das zwar, aber ich soll mich neutral anziehen“, berichtet die 44-jährige Berufskraftfahrerin. Der elfjährige Sohn und die 15-jährige Tochter seien öfter zu Besuch und man telefoniere regelmäßig. Eine große Freude sei für sie gewesen, als sie zum Schulabschluss der Ältesten kommen sollte. „Ich gebe ihnen Zeit und sie sollen den Kontakt suchen, wann sie wollen“, sagt sie. Auch ihre Eltern hätten ihren Entschluss akzeptiert. Für die Mutter sei es leichter als für den Vater.

Bei der Arbeit oder in Bienenbüttel sei sie nicht auf große Ablehnung gestoßen. „Die Gesellschaft ist offener als noch vor 30 Jahren“, sagt sie. Während der Ausbildungszeit habe sie selbst erlebt, was jemand durchstehen musste, der sich entschied, als Frau zu leben. „Das hat mich damals abgeschreckt“, sagt sie

Um ihren Entschluss, fortan sie selbst zu sein und als Frau zu leben, in die Tat umzusetzen, hat Svenja Marie Fürste vor zwei Jahren Hilfe bei Beratungsstellen gesucht. Was auf dem Land gar nicht so einfach sei. Beratungsstellen in der Region habe sie lediglich in Lüneburg und Hamburg gefunden. „Das Angebot auf dem Land müsste ausgebaut werden“, fordert sie. Forscher gingen davon aus, dass es deutschlandweit rund 700 000 Menschen gibt, die sich in ihrem Geschlecht nicht wohlfühlen. Die lebten nicht alle in Großstädten, sagt Svenja Marie Fürste.

Außerdem wird sie von einem Psychologen betreut, der ihr hilft, ihren Weg zu gehen. Dieser entscheidet auch am Ende dieses Jahres über eine mögliche Hormontherapie. Der Psychologe gibt auch später das Okay für eine OP zur Geschlechtsanpassung. „Das ist ein Prozess, der bis zu fünf Jahre dauern kann“, sagt Svenja Marie Fürste. Außerdem habe sie sich entschieden, den sogenannten Alltagstest zu machen, das heißt, öffentlich als Frau aufzutreten. „Der Alltagstest ist richtig gut um zu merken, ob man es auch wirklich will“, sagt die 44-Jährige. Zum Prozess der Geschlechtsanpassung gehören auch Besuche beim HNO-Arzt für ein spezielles Sprachtraining.

Die Gesellschaft sei inzwischen viel weiter als der Gesetzgeber. „Da gibt es noch Nachholbedarf“, sagt Svenja Marie Fürste. So fühle sie sich nach wie vor ungleich behandelt, wenn sie für eine Namens- und Geschlechtsänderung im Pass beim Gericht vorstellig werden muss und dazu zwei Gutachter bezahlen muss. Dies alles, nachdem man den langwierigen Prozess der Geschlechtsanpassung hinter sich gebracht habe. Sie wünscht sich, dass wie bei Intersexuellen mit einem einfachen Attest des behandelnden Arztes das Geschlecht geändert werden kann.

Svenja Marie Fürste ist auch in den sozialen Medien aktiv und informiert dort über ihr Leben. Sie wolle damit auch etwas für andere tun, die sich noch nicht getraut hätten, öffentlich so zu leben, wie sie sind. Sie wolle Mut machen und zeigen, wie es sich anfühlt, so leben zu können, wie sie es sich schon immer ersehnt hat. „Ich fühle mich angekommen“, sagt Svenja Marie Fürste.

VON LARS LOHMANN

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