Er wollte zu den Siegern gehören

Reiner Engelmann schildert im Buch über Oskar Gröning, wie normale Menschen zu Tätern wurden

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Und als hochbetagter Angeklagter in einer Verhandlungspause beim Lüneburger Auschwitz-Prozess.

stk Lüneburg. Man könnte meinen: Alles ist gesagt über Oskar Gröning. Jenen früheren SS-Mann, der nach 1945 ein ganz normales Leben als Buchhalter einer Glasfabrik führte und mit über 90 Jahren von seiner Vergangenheit im Konzentrationslager (KZ) Auschwitz eingeholt wurde.

Oskar Gröning als Freiwilliger der SS.

Presse, Radio und Fernsehen berichteten im Jahr 2015 jedes Detail aus dem Lüneburger Prozess, an dessen Ende der Greis zu einer Haft von vier Jahren wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen verurteilt wurde. Die Haft in der JVA Uelzen trat er bekanntlich nicht an, er ist im März im Alter von 96 Jahren verstorben. Reiner Engelmann, Autor des jetzt erschienenen Buchs „Der Buchhalter von Auschwitz“, erhebt nicht den Anspruch, neue Erkenntnisse zu präsentieren – er hat vielmehr die vielen Informationen aus Berichterstattung und Gerichtsakten allgemein verständlich und in einfacher Sprache zusammengefasst.

Reiner Engelmann

Engelmann ist kein studierter Historiker. Der 65-Jährige aus dem Hunsrück war Sozialpädagoge im Hunsrück. Seit Jahren organisiert er Studienfahrten nach Auschwitz – zunächst für seine Schüler, jetzt für Erwachsene. „Die Generation meiner Eltern, meiner Lehrer hat das Thema totgeschwiegen. ‘Die Zeit ist vorbei, die kannst du vergessen’, sagten sie“, erinnert sich Engelmann. Er will verhindern, dass diese Zeit zurückkehrt. Das ist der Antrieb für seine Jugendbücher zu den Verbrechen des Nationalsozialismus, die er im CBJ-Verlag veröffentlicht – die aber auch Erwachsene lesen können.

Über allen Details des Prozesses und der Debatte, welchen Sinn es hat, Greise vor Gericht zu stellen, die jahrzehntelang von der deutschen Justiz verschont wurden, steht die Frage: Wie konnten normale Menschen solche Verbrechen begehen? „Diese Menschen waren eben keine Monster. Bei Oskar Gröning hat seine Sozialisation eine bedeutende Rolle gespielt“, versucht Engelmann eine Erklärung. „Sein Vater war in deutschnationalem Gedankengut verhaftet. Sein Großvater war begeisterter Soldat.“ Gröning wird Mitglied der Stahlhelmjugend. 1933 tritt er in die Hitlerjugend ein.

„Er mochte es, zu marschieren, die Uniform, die Lieder zu singen“, zählt der Autor auf, der bei seinen Lesungen vor Schülern frei erzählt. Dabei habe er nicht an die jüdische Freundin gedacht, mit der er spielte. „Und wenn’s Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s noch mal so gut“, lautet so ein Liedtext. Gröning meldet sich freiwillig zur SS. „Er wollte, wenn der Krieg zu Ende ist, zu den Siegern gehören und auf der Straße gefeiert werden“, glaubt Engelmann. In Auschwitz qualifiziert Gröning eine Sparkassen-Ausbildung dazu, die Wertsachen aus dem Gepäck der eingelieferten Juden zu nehmen und abzurechnen.

„Die Schuld des Oskar Gröning“ lautet der Untertitel des Buches. „Er hat sich am Feierabend in der Lagerküche was zu essen und zu trinken geholt und ist dann zu seiner Unterkunft gegangen. Da muss er Häftlinge gesehen haben, die gehungert haben oder Arbeiten verrichten mussten“, schildert Engelmann.

Anders als andere Nazi-Täter hat Gröning nach Jahrzehnten des Verdrängens seine moralische Schuld anerkannt. Und er hat, provoziert durch Holocaust-Leugner, bereits vor dem Prozess bezeugt, was in dem Konzentrationslager geschah.

• Reiner Engelmann: „Der Buchhalter von Auschwitz“, 224 Seiten, ab 13 Jahre, CBJ Jugendbücher, ISBN 978-3-570-16518-8.

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