Wilde Schweine im Wolfsgrund

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Wenn Wildschweine in Fahrt geraten, weil sie auf der Flucht sind, kennen sie kein Halten mehr. Im Wohngebiet Wolfsgrund zwischen Bienenbüttel und Jelmstorf hat das bereits wiederholt zu Ärger bei Anliegern geführt.

Jelmstorf/Bienenbüttel - Von Ines Bräutigam. Werner Zymmek ist gerade auf seinem Waldgrundstück im Wohngebiet Wolfsgrund zwischen Bienenbüttel und Jelmstorf mit Gartenarbeit beschäftigt, als plötzlich Schüsse fallen. Kurz darauf hört er seine Frau aus dem Haus schreien: Ein Wildschwein stürmte auf den 60-Jährigen zu, der sich aber gerade noch rechtzeitig ins Haus retten konnte. Insgesamt drei Wildschweine waren in iher Panik auf Zymmeks Grundstück gelaufen, weil in der Nähe eine Treibjagd stattfand. Mal wieder.

Werner Zymmek hat vollstes Verständnis dafür, dass die Schwarzkittel, die sich besonders stark vermehrt haben, bejagt werden müssen. „Über die Durchführung und deren Folgen muss man sich aber Gedanken machen“, fordert er, „allein, um die Sicherheit und Gesundheit der Bewohner des Wolfsgrundes weiterhin zu gewährleisten.

Zymmek alarmierte an diesem Tag im November die Polizei, da er und seine Lebensgefährtin Angst hatten, dass sich weitere, vielleicht verletzte Wildschweine auf dem Grundstück aufhalten könnten. Doch eine Aufforderung der Beamten an die Jäger, auf Zymmeks Grundstück nach dem rechten zu sehen, lehnten diese ab – die Fläche liege außerhalb ihres Bereiches. Nur ein Jäger aus Bargdorf habe dort Jagdbefugnis. Da sich Zymmeks Frau aus Angst, von einem angeschossenen Wildschwein angefallen zu werden, nicht mehr vor die Tür traute, ergriffen er und sein Nachbar am nächsten Morgen selbst die Initiative: Mit Forke und Eisenstange ausgerüstet suchten sie ihre insgesamt 20 000 Quadratmeter großen Grundstücke nach eventuellen Schweinen ab; gefunden haben sie aber keines.

Dafür aber machte Werner Zymmek, der seit 20 Jahren im Wolfsgrund lebt, seinem Ärger bei der Jagdbehörde des Landkreises Uelzen Luft, die es ans Landwirtschaftsministerium nach Hannover weiter leitete. Wer übernimmt die Verantwortung dafür, wenn jemand verletzt wird? Warum treibt man das Wild bei der Drückjagd nicht einfach in andere Richtungen? Wer kommt für die Schäden an Grundstück und Zäunen auf? Und warum wird man nicht vor einer Jagd informiert, damit man sich darauf einstellen kann? Diese und weitere Fragen wollte der Wolfsgrund-Bewohner beantwortet wissen.

Seitens des Ministeriums wurde zwar Bedauern über das Ungemach ausgedrückt, das Zymmek widerfahren ist. Wirklich zufrieden ist er mit der Stellungnahme aber nicht. Denn die lautet, zusammengefasst: Die Jagden sind erforderlich, eine Ankündigung der Jagd ist aus Sicherheitsgründen nicht praktikabel und verantwortlich für Wildschäden ist niemand.

Uelzens Kreisjägermeister Heinrich Hellbrügge aus Bornsen erklärt auf AZ-Nachfrage die Problematik aus seiner Sicht. „Wenn man Sauen jagt, weiß man nie, wohin die laufen. Die sehen nichts, die rennen einfach geradeaus.“ Im Wolfsgrund käme eine besondere Situation hinzu: Die Grundstücke befänden sich auf einem uralten Wechsel, den die Tiere offensichtlich verinnerlicht haben „und aus unerklärbarer Ursache nutzen die den wieder, wenn sie flüchten“. Grundsätzlich, betont Hellbrügge, treiben Jäger nie in Richtung Wohnbebauung.

Auch eine Bekanntmachung der Jagd macht aus seiner Sicht keinen Sinn. „Da gibt es Schaulustige, oder immer wieder auch Jagd-Gegner“, weiß der Jägermeister. Und damit sei dann jede Jagd beendet, da man nicht mehr schießen könne.

Für die Schäden am Zaun – beim jüngsten Vorfall entstand laut Werner Zymmek ein Schaden von rund 300 Euro – könne niemand aufkommen, sagt Heinrich Hellbrügge, da das Wild herrenlos ist. Manchmal würden Jäger etwaige Schäden aus Kulanz übernehmen, sie seien aber nicht dazu verpflichtet.

Auch die Weigerung der Jäger am besagten Novembertag, Zymmeks Grundstück nach eventuellen Schweinen abzusuchen, sei absolut korrekt gewesen. „Die dürfen das nicht“, bestätigt Hellbrügge. Denn letztendlich wolle jeder Jäger seinen Jagdschein behalten und halte sich demzufolge strikt an die rechtlichen Vorgaben.

„Für viele Laien ist das alles sicher manchmal etwas unverständlich“, hat der Kreisjägermeister Verständnis. Wovon Hellbrügge aber in jedem Fall abrät, ist eine Nachsuche auf eigene Faust. „Das sollte man tunlichst unterlassen“, warnt er im Hinblick auf die Unberechenbarkeit von verletzten Wildschweinen, „das ist hochgradig gefährlich.“

Mit dem betreffenden Revierinhaber habe Hellbrügge bereits besprochen, dass Werner Zymmek in Zukunft „einen Zettel an die Tür geklebt bekommt“, wenn wieder eine Treibjagd stattfinden soll. Damit er und seine Frau sich bei der nächsten Drückjagd auf eventuelle Schwarzkittel in seinem Garten einstellen können.

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