Verbotene Romane

Ermordet im KZ: Das Leben Else Urys und ihre „Nesthäkchen“-Geschichten

Marianne Brentzel hat sich mit dem Leben von Else Ury befasst, die durch ihre Nesthäkchen-Romane bekannt wurde und im KZ starb.
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Marianne Brentzel hat sich mit dem Leben von Else Ury befasst, die durch ihre Nesthäkchen-Romane bekannt wurde und im KZ starb.

Bienenbüttel – Das Buch schließt mit der Ermordung Else Urys in Auschwitz am 13. Januar 1943. Und es ist mucksmäuschenstill in der Buchhandlung Patz, als Marianne Brentzel die letzten Sätze ihrer Biografie über die Schriftstellerin und Kinderbuchautorin gelesen hat.

Konnten zur Lesung ein volles Haus begrüßen: Anne-Grete und Detlev Patz.

Dann entspinnt sich doch noch eine Frage-Runde mit der Autorin, die 1988 begonnen hatte, das Leben Urys, die mit ihren zehn „Nesthäkchen“-Bänden berühmt wurde, zu recherchieren. „Vor und zurück“ habe sie selbst einst diese Bände gelesen – und überrascht wie viele sei sie gewesen, dass Else Ury Jüdin gewesen und im KZ ermordet worden sei. Am 12. Januar 1943 war Else Ury als eine von 1110 Berliner Juden deportiert worden und hatte zuvor die Entrechtung der Juden durch die Nationalsozialisten erleben müssen.

Es ist eine eindringliche Lesung, zu der die Buchhandlung Patz in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung eingeladen hat. So werden die Zuhörer in der bis auf den letzten Platz gefüllten Buchhandlung in Bienenbüttel nicht enttäuscht. Brentzel liest aus der 2007 neu aufgelegten Biografie „Mir kann doch nichts geschehen“. Und es ist eine Annäherung in persönlicher, politischer und historischer Hinsicht an die Verhältnisse um die Jahrhundertwende und den umjubelten Kriegseintritt unter Kaiser Wilhelm II..

„Mit ihrer Kriegsbegeisterung, das wissen wir alle, befand sich Else Ury in guter Gesellschaft“, liest die 75-Jährige aus Dortmund und zeichnet die Entwicklung Urys bis zum Berufsverbot durch die Nationalsozialisten nach. Dabei hatte Ury, unpolitisch wie sie war, in der Machtergreifung durch Hitler 1933 sogar eine mögliche Lösung für die tiefe Staatskrise gesehen.

65 Jahre alt wurde Ury, die aus dem liberalen Patrizier-Bürgertum Berlins entstammte. Der Vater, Tabakfabrikant, und die Mutter, Zentrum der Familie, ermöglichten Ury in einer Zeit, als Frauen in Berlin noch nicht studieren konnten, den höchsten Schulabschluss. Und Else Ury, die um 1900 mit dem Schreiben, zunächst von Märchen, begann, lebte unverheiratet zu Hause bei den Eltern. Und sie kaufte später als Erfolgsautorin von „Nesthäkchen“ ein Ferienhaus im schlesischen Krummhübel. Dabei fällt auf: Ihre beliebten Backfisch-Romane blieben konfessionell neutral. Und sie trug in Zeiten materieller Not zum Familieneinkommen bei: Rund 80 000 Reichsmark hoch war ihr jährlicher Verdienst in den zwanziger Jahren. „Sie war in ihrem Herzen selbst ein Kind geblieben“, zitiert Brentzel aus einem posthum geschriebenen Brief für Ury.

„Was kann sie getrieben haben?“, fragt Brentzel bei der Lesung. Und gibt selbst eine Antwort: „Sie hat die Lage nach 1933 falsch eingeschätzt.“ Nahe Verwandschaft ersten Grades habe sie im Ausland nicht gehabt. „Die Umstände waren nicht so.“ Und die Verwurzelung in Deutschland habe einen Fluchtgedanken ausgeschlossen.

So warf sie ihrem Bruder Hans „Schwarzmalerei“ vor. Und noch 1938, als ihr ein Mitarbeiter der Commerzbank die Auswanderung nahelegte, antwortete sie: „Wenn meine Glaubensgenossen bleiben, dann habe ich so viel Mut, Charakter und die feste Entschlossenheit, ihr Los zu teilen.“

Da waren Else Urys Bücher schon verfemt. Ihre „Nesthäkchen“-Heldin Annemarie Braun habe nicht dem Weltbild der Nazis entsprochen, sagt Brentzel. „Eine Frau hatte hart zu sein, ihre Pflicht zu erfüllen und ihre Kinder im nationalsozialistischen Sinne zu erziehen.“

Nach der Wende 1989 erlebten die „Nesthäkchen“-Bände noch einmal einen Aufschwung: Nicht nur unter den Nazis, sondern auch in der DDR waren sie verboten.

VON CHRISTIAN HOLZGREVE

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