Hohe Dunkelziffer

Dr. Swen Geerken berichtet bei den Landfrauen über Kindesmissbrauch

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„Studien gehen davon aus, dass auf einen angezeigten Missbrauchsfall 400 nicht angezeigte kommen“, sagt Dr. Swen Geerken vom Uelzener Klinikum. 

Bienenbüttel – „Es gibt zwei Tabus in unsere Gesellschaft – die Gewalt gegen Frauen und die Gewalt gegen Kinder“, sagt Dr. Swen Geerken.

Der Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im Helios Klinikum Uelzen spricht auf Einladung der Landfrauen Bienenbüttel vor rund 50 Frauen über Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung.

Kinder werden emotional, körperlich oder sexuell missbraucht und das oft über einen längeren Zeitraum und das in allen gesellschaftlichen Schichten. „Rein statistisch wird jeden Tag in der Praxis eines Kinderarztes der Missbrauch eines Kindes übersehen“, berichtet Geerken. 3.400 bis 3.800 Fälle werden jährlich in der Kriminalstatistik erfasst.

In 97 Prozent der polizeilich erfassten Fälle ist der Täter Verwandter ersten Grades. Die Aufklärungsquote ist mit 98 Prozent zwar groß, aber auch die Dunkelziffer. „Studien gehen davon aus, dass auf einen angezeigten Missbrauchsfall 400 nicht angezeigte kommen“, erklärt Geerken. Dabei ist das Missbrauchsrisiko umso größer, je jünger das Kind ist.

Dr. Swen Geerken, Chefarzt Kinder- und Jugendmedizin im Krankenhaus Uelzen

Für Ärzte sei ein Verdachtsfall immer eine Gratwanderung. „Die Verantwortung eines jeden, nicht nur der Ärzte, ist brutal groß“, sagt Geerken. Als Mediziner müsse man sich immer fragen, ob etwa die Verletzungen eines Kindes mit der angeblichen Ursache zusammenpassen können. Die Täter seien oft sehr geschickt darin, ihre Taten durch Lügen zu verschleiern. Wenn ein Kind viele unterschiedlich alte Blutergüsse auf dem Rücken habe, könne die Geschichte vom Treppensturz einfach nicht stimmen.

Die Fälle, die Geerken selbst erlebt hat, sind erschreckend. Ein an Diabetes Typ I erkranktes Kind, das von seinen Eltern kein Insulin gespritzt bekommen hat. „Sie haben ihr Kind einfach so sterben lassen“, sagt Geerken. In einem anderen Fall kam ein junges Mädchen regelmäßig mit Kopfschmerzen und anderen Symptomen ins Uelzener Krankenhaus. Die Ursache war unklar, bis sie erklärte, dass ihr großer Bruder für schlechte Noten von ihrem Opa verprügelt wurde.

Missbrauch wird laut Geerken sehr selten von den Opfern selbst angezeigt, sondern von Freunden, Verwandten oder Lehrern. „Wir alle haben eine Verantwortung, genau hinzusehen.“

Im Kampf gegen den Kindesmissbrauch komme es auch auf die Prävention an. Denn Überforderung der Eltern oder selbst erlebter Missbrauch in der Kindheit seien häufig Ursachen für Kindesmisshandlung.

VON LARS LOHMANN

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