Transgender aus Wichmannsburg

Svenja Fürstes Weg in den richtigen Körper

Svenja Fürste aus Wichmannsburg ist ein Transgender. Jetzt steht sie kurz vor ihrer OP zur Geschlechtsumwandlung.
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Svenja Fürste aus Wichmannsburg steht kurz vor ihrer OP zur Geschlechtsumwandlung.
  • Daniel Bieling
    vonDaniel Bieling
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Wichmannsburg - 2018 entschied sich Thomas Fürste mit 44 Jahren fortan als Svenja Fürste zu leben. Er fühlte sich als Frau, war im falschen Körper gefangen. 2019 sprach die AZ erstmals mit Svenja Fürste. Wie ist es ihr seitdem ergangen?

2019 lebt Svenja Fürste erst rund ein Jahr öffentlich als Frau. „Es hat sich seitdem viel getan“, sagt sie im Gespräch mit der AZ. „Auch viele Höhen und Tiefen. Ich hatte meine Findungsphase, die ganz schwierig für mich war.“ Viele emotionale Tiefs habe sie in dieser Phase gehabt, sagt Fürste. Daher sei sie auch froh über die begleitende Psychotherapie gewesen, die vor jeder Geschlechtsumwandlung Pflicht ist.

Outing als Befreiungsschlag

Schwierigkeiten habe ihr zum Beispiel die Trennung von der Familie bereitet. Denn Fürste war verheiratet, hat drei Kinder. Mit ihrer Ex-Frau pflegt Svenja Fürste noch immer ein freundschaftliches Verhältnis. Nur ihre jetzt 19-jährige Tochter habe mit der Entscheidung ihres Vaters, als Frau zu leben, Schwierigkeiten gehabt. „Das hat sich aber gebessert“, sagt Fürste. „Sie ist aber immer noch am Hadern.“ Für sie selbst sei das Outing damals ein Befreiungsschlag gewesen, sagt Fürste.

Um auch die schwierigen Momente zu überstehen, habe ihr die Psychotherapie geholfen, sagt Fürste. Schließlich gab der Therapeut auch sein Einverständnis zum Start der Hormontherapie, die Fürstes Körper weiblicher machen soll. Begonnen hat die Wichmannsburgerin damit im September 2019. Dafür trägt sie täglich ein Gel auf, das die entsprechenden Hormone enthält und von der Haut aufgenommen wird. Was war das für ein Gefühl, mit der Hormontherapie den nächsten Schritt tun zu können? Für Svenja Fürste ist es schwierig, in Worte zu fassen: „Das kann man kaum beschreiben. Das war wie das erste Mal, ein Kind zu bekommen. Ein unheimliches Glücksgefühl.“

Als Nächstes hat Fürste die Bartentfernung im Blick. Dabei werden die Haare professionell per Laser entfernt. Begonnen hatte sie damit schon mal, es kam durch die Corona-Pandemie allerdings ins Stocken. Jetzt sei es zwar wieder möglich, aber schwierig, einen Termin zu bekommen, sagt die heute 47-Jährige. So komme es schon mal vor, dass sie sich drei- bis viermal am Tag rasiere.

Der nächstgrößere Schritt ist allerdings die geschlechtsangleichende Operation. Hierfür steht Fürste inzwischen in Kontakt mit Ärzten. Ist erst einmal ein OP-Termin beantragt, könne es aber noch mal ein halbes Jahr dauern, bis man wirklich einen Termin erhält, weiß Fürste.

In den Kleidern der Mutter

„Darauf gewartet habe ich eigentlich schon immer. Aber damals war das undenkbar“, erinnert sich Fürste. Aufgewachsen ist sie im Wendland. Beratungsstellen oder andere Ansprechpartner, denen sie sich anvertrauen konnte, hatte Fürste damals nicht. „Das war kein schönes Gefühl, das ständig zu verstecken.“ Daher sei sie, wenn niemand sonst zu Hause war, in die Kleider ihrer Mutter geschlüpft. „Um sich mal ein, zwei Stunden wohlzufühlen“, sagt Fürste.

Schon damals sei sie bisexuell veranlagt gewesen, habe sich zu Männern und Frauen hingezogen gefühlt. Erste Kontakte mit Männern habe sie auch vor ihrem Outing gehabt, erinnert sich Fürste – allerdings nur im Geheimen, „weil es ein absolutes Tabu war“. Heute liege ihr Augenmerk eher auf Männern, das habe sie in der Therapie für sich klären können. Auf Männer zuzugehen, falle ihr aber noch schwer: „Das traue ich mich schon, aber es sind immer noch Zweifel da.“ Noch habe sie zu männliche Züge: „Irgendwann resigniert man da ein bisschen. Da wird einem klar: Die Chance, einen Partner zu bekommen, ist gleich Null.“ Fürste ist aber zuversichtlich, dass es nach der Operation einfacher werde. „Dann lebe ich mit dem Körper, den ich mir immer gewünscht habe.“

Erschwerend hinzu kommt, dass gerade Männer eher ablehnend auf sie als Transgender reagieren würden. Dem gegenüber steht ein anderes Extrem: Im Internet sei sie von einem Mann mit expliziten Bildern und Angeboten überhäuft worden. So einen Stempel aufgedrückt zu bekommen, „das trifft einen schon tief“, sagt Fürste. „Mir ist es wichtig, zu zeigen, dass das so nicht geht.“ Den entsprechenden Fall habe sie daher bei der Polizei zur Anzeige gebracht.

Kampf gegen Vorurteile

So möchte Svenja Fürste für andere ein Beispiel sein und offen mit ihrer Sexualität umgehen. Sie mache das nicht, um wie zum Beispiel TV-Star Olivia Jones als Kunstfigur wahrgenommen zu werden, „sondern einzig und allein für mich selbst.“ Sie wolle, dass das Thema in der Gesellschaft normal werde, betont Fürste. Dass man mit der Zeit in der Masse untergehe. Als Transgender habe sie die gleichen Ängste, Sorgen und Wünsche wie jeder andere auch. Darüber hinaus hatte Fürste nach ihrem Outing einen Stalker. „Das war auch ein Grund, das öffentlich zu machen“, sagt Fürste. „Um ihm die Grundlage zu nehmen.“

Viel habe sie verarbeiten müssen, meint Fürste. So habe sie mit extremen Stimmungsschwankungen und Depressionen zu kämpfen gehabt. Heute überwiege jedoch die Freude und die Ausgeglichenheit. Dem Kampf gegen Vorurteile wolle sie sich aber weiterhin widmen – auch über die Operation hinaus. „Das wird immer mein Ziel bleiben“, betont Fürste.

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