Maria Lüdemann hat schlaflose Nächte hinter sich: Die Schilderungen über ihren verstorbenen Ehemann in einer überregionalen Sonntagszeitung haben ...

„Sowas hat er nicht verdient“

Maria Lüdemann hat schlaflose Nächte hinter sich: Die Schilderungen über ihren verstorbenen Ehemann in einer überregionalen Sonntagszeitung haben die 79-Jährige aus Wichmannsburg aufgewühlt. Fotos: Ph. Schulze

Wichmannsburg. Ein fremder Mann sprach sie eines Tages bei Aldi an. Ob sie denn die große, überregionale Sonntagszeitung schon gelesen habe. Schließlich sei da über sie geschrieben worden. Maria Lüdemann fiel aus allen Wolken, denn selbstverständlich hatte sie diese Zeitung nicht gelesen. „Ich kannte die gar nicht“, sagt die Wichmannsburgerin.

Sie hat sie sich aber besorgt und fiel ein zweites Mal aus allen Wolken: In den „Geschichten aus Bienenbüttel“, die das Blatt (wie berichtet) aus Anlass der EHEC-Krise veröffentlicht hatte, schrieb der Autor auch über Maria Lüdemanns verstorbenen Mann Karl-Heinz. Dass der laut singend und „ständig blau“ unterwegs gewesen sei und sie, seine Frau, einfach nicht dahinter gekommen wäre.

Manche haben die – wohl augenzwinkernd gemeinten – Schilderungen witzig gefunden. Maria Lüdemann aber kann nicht darüber lachen, dass über ihren toten Mann so geschrieben wird und sie auch noch als Ahnungslose hingestellt wird. „Als wenn ich so eine Blöde wäre. Das stimmt so ja alles überhaupt nicht. Ich dachte, ich fall’ um.“´Schlaflose Nächte hat ihr der Zeitungsbericht bereitet, dazu das Gerede im Dorf. Andauernd wurde die Witwe angesprochen. In einer Arztpraxis war der Bericht sogar im Wartezimmer ausgehängt. „Das können Sie doch so nicht stehen lassen!“ wurde sie von vielen, auch Unbekannten, gedrängt. Und das kann und will sie nun tatsächlich nicht. „Ich will, dass endlich Ruhe ist, das wäre wie eine Erlösung für mich“, sagt die 79-Jährige und wischt sich immer wieder Tränen aus den Augen.

Schlimm genug nämlich, dass ihr Mann damals, am 24. November 1991, unter tragischen Umständen, die mit Alkohol zu tun hatten, mit nur 63 Jahren zu Tode gekommen war. „Ich war ganz gut darüber hinweg gekommen“, sagt Maria Lüdemann. Mit viel Arbeit und dem Halt, den ihre drei Kinder ihr gaben, habe sie nach dem Tod ihres Mannes zurück ins Leben gefunden. Jetzt aber holen sie die Erinnerungen wieder ein.

Ihr Mann sei ein „Naturmensch“ gewesen, „lustig und fröhlich“. Er habe gern gesungen, laut und schmetternd. „Das Heideröslein“ zum Beispiel. Und ja, er hat auch gern mal einen getrunken. Bei Feiern, mit Freunden. So war und so ist das nun mal auf dem Dorf. Und Maria Lüdemann hat das natürlich gewusst; schließlich war sie fast 25 Jahre mit ihrem Karl-Heinz verheiratet und kannte ihn wie kein Anderer. Man habe aber gemeinsam auch hart gearbeitet, sagt die Witwe. „Deshalb: Sowas hat er jetzt nicht verdient.“

Das Spießrutenlaufen soll jetzt ein Ende haben. Maria Lüdemann hat sich kaum noch vor die Tür getraut. Dabei tritt die muntere Seniorin mit dem Wichmannsburger Puschenballett auf und ist gern und viel unter Leuten. Dass sie mal eine Entschuldigung hört, das würde sie sich von dem Autor noch wünschen. Und dann soll endlich Ruhe sein.

Von Ines Bräutigam

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