Fahrer aus Uelzen akzeptiert Strafmaß für fahrlässige Tötung

Schreie unter Müllwagen

In der Oberen Schrangenstraße in Lüneburg wurde eine Seniorin von einem Müllwagen überrollt und starb später.
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In der Oberen Schrangenstraße in Lüneburg wurde eine Seniorin von einem Müllwagen überrollt und starb später.

stk Lüneburg. Was passiert ist, daran gibt es keinen Zweifel. Müllwagenfahrer H. (40) aus Uelzen schildert gestern selbst vor dem Amtsgericht Lüneburg, wie er im Oktober vorigen Jahres erst durch ein Schreien mitbekommt, dass er gerade eine 87-Jährige überrollt hat.

Für den schrecklichen Unfall in der Oberen Schrangenstraße in Lüneburg entschuldigt sich bei den Angehörigen. Den Strafbefehl über 90 Tagessätze wegen fahrlässiger Tötung will er sich jedoch nicht gefallen lassen. Verteidiger Björn Schröder verweist auf ein Gutachten, wonach die Passantin nur zwei Sekunden in einem der sechs Spiegel habe auftauchen können. Damit beißt er bei Richterin Katrin Lindner auf Granit: „Wenn man mit einem Müllwagen in eine Fußgängerzone fährt, muss man dafür sorgen, dass man alles sieht“, stellt sie klar. Notfalls müssten zusätzliche Kräfte das Fahrzeug absichern. Die Strafhöhe sei schon am unteren Rand. Der 40-Jährige zieht seinen Antrag zurück. Damit ist der Strafbefehl rechtskräftig.

Zwei Sekunden. Für diese kurze Spanne taucht die 87 Jahre alte Dame im Spiegel auf. H. bemerkt sie nicht. Beim Rangieren mit dem Müllfahrzeug in der Lüneburger Fußgängerzone überrollt der Uelzener sie mit dem rechten Vorderrad – einmal vorwärts, und noch einmal beim Zurücksetzen. Erst dann hört er das Schreien. Gestern muss sich der 40-jährige Mitarbeiter der kommunalen Gesellschaft für Abfallwirtschaft (GfA) vor dem Amtsgericht Lüneburg verantworten.

Zunächst denkt H., er hat einen Hund überfahren. Er klettert aus dem Führerhaus und geht um das Fahrzeug herum. „Ich hab’ die Beine gesehen“, berichtet der Müllfahrer, untersetzte Figur, Stoppelschnitt, vor Gericht. „Ich bin runtergekrochen. Sie war ansprechbar“, fährt er fort. „Bitte bewegen Sie sich nicht“, sagt er, dann setzt er sein tonnenschweres Gefährt vorsichtig einige Zentimeter zurück, um die Hand des Opfers freizugeben. Er kümmert sich um die schwer Verletzte, legt ihr seine Weste unter den Kopf und schützt ihre zerquetschte Hand vor den Blicken der Passanten. Dann ist auch der Krankenwagen da. Noch am selben Tag verstirbt die 87-Jährige.

Aus Sicht des Amtsgerichts ist das, was am Vormittag des 25. Oktober 2016 in der Oberen Schrangenstraße passierte, fahrlässige Tötung. Deshalb hat es einen Strafbefehl über 90 Tagessätze erlassen, 3600 Euro. Dagegen hat H. Widerspruch eingelegt. „So schlimm das Geschehene ist“, meint Verteidiger Björn Schröder, „er hat sich so verhalten, wie er musste.“ Das bedeutet, dass der Fahrer sich von zwei Kollegen hinter dem Fahrzeug beim Zurücksetzen einweisen ließ. Zusätzlich zum Blinklicht ertönte dabei ein Warnton. Hier kommen die zwei Sekunden ins Spiel, die ein Gutachter im Auftrag der Verteidigung ermittelt hat. Insgesamt sechs Spiegel musste der Fahrer beim Rangieren in der Fußgängerzone im Blick behalten. Die Richterin kann der Verteidiger nicht überzeugen. „Haben Sie einmal gezählt, wie lange zwei Sekunden sind? Ein-und-zwanzig-zwei-und-zwanzig“, zählt Katrin Lindner vor. Zwei Sekunden lang beim Rangieren in der Fußgängerzone einen Spiegel zu ignorieren, sei zu lang. „Ich kann doch nicht in der Fußgängerzone rückwärts fahren, wenn ich nicht ausschließen kann, dass ich irgendjemanden überfahre“, braust die Richterin auf. Da hat Verteidiger Schröder noch einmal insistiert, der Fahrer hätte vielleicht einen Passanten auf der anderen Seite übersehen können, hätte er den einen Spiegel besser im Blick behalten.

Das Opfer sei 87 Jahre alt gewesen. Es werde sich nicht sehr schnell bewegt haben, gibt dagegen Staatsanwältin Naline Schiweck zu bedenken. Frühzeitig macht die Richterin klar, dass sie den Vorwurf der fahrlässigen Tötung für berechtigt hält. Das Strafmaß sei sogar am unteren Rand. Nach einer Verhandlungspause zieht H. die Konsequenz und zieht seinen Widerspruch zurück. Der Strafbefehl gegen den Uelzener ist damit rechtskräftig. Bei den Angehörigen entschuldigt er sich für den schrecklichen Unfall.

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